Skandal in der Oper - Wenn Sänger oder Publikum ausrasten

  • Mal wieder ein eher leichtes, anekdotisches Thema:


    Besser als jede Schlagzeile der Boulevardzeitungen ist ein "Krach" live. Das trifft auf eheliche und sonstige Beziehungsdramen, die man ja auch aus erster Hand, als Zeuge oder Beteiligter, erleben will, wie auf das Theater, allemal das Musiktheater, zu.
    Was geht über die prickelnde Spannung kurz vor Ende einer bereits als "Skandal" angekündigten Aufführung?
    Wer wird wie reagieren? Wird es wie weiland beim Bayreuther Jahrhundert Ring gar zu Tätlichkeiten kommen?


    Ich bitte also um Mitteilung bzw. plastische Schilderung entsprechender Ereignisse.


    Ich mache den Anfang mit einem eher bescheidenen Vorfall aus der Kölner Oper, dessen Zeuge ich sein durfte.


    Es muss etwa Anfang/Mitte der 80er Jahre gewesen sein, als ich dort "Hoffmanns Erzählungen" sah. Die Titelrolle sang Ion Buzea (dessen Namen ich mir vielleicht sonst nicht gemerkt hätte). Das Publikum wurde ob der Leistungen des Tenors immer unruhiger. Dieser warf einen bösen Blick nach dem anderen ins Parkett, was das Publikum zu immer lauteren Missfallenskundgebungen animierte, die dann bis zu Zischeln und ersten "Buhs" führten. Der letztlich sichtlich entnervte Tenor unterbrach dann seine Darbietung und rief dem Publikum in höchster Erregung Beschimpfungen und Aufforderungen zu gehen zu, was, da er nur gebrochen Deutsch sprach, Heiterkeit - der Kölner liebt den Karneval - und weiteres Missfallen zur Folge hatte. Der Tenor drohte seinen endgültigen Abgang an - Beifall.
    Die Situation drohte zu eskalieren, da griff Edda Moser, Duett Partnerin des Sängers, ein, beruhigte und tröstete (wirklich!) diesen teilnahmsvoll und forderte das Publikum zur Mässigung auf. Dem fügten sich selbst die renitenten Rheinländer und die Vorstellung konnte weitergehen.....

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Gute Geschichte!


    Wenn man bedenkt, dass Ion Buzea seine Plattenaufnahmen in den 60ern gemacht hat, ist ein Hoffmann 20 Jahre später vielleicht wirklich ein wenig überreif gewesen...

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Ich habe 1982 in Berlin eine "Salome"-Vorstellung mit Karan Armstrong in der Titelpartie erlebt, in deren Verlauf die Töne nur schrill und unschön klangen...
    im Schlussgesang war das Maß voll, aus dem Publikum vernahm man die Rufe "Aufhören", "Unzumutbar".....nach Herodes´Ruf:"Man töte dieses Weib" wurde applaudiert....beim Schlussapplaus trat Karan Armstrong nicht mehr vor den Vorhang.


    Gruß Guido

    Wie aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten
    GB

  • Der Ruf der Hamburgischen Staatsoper während der Intendanz Rolf Liebermanns ergab sich u.a. daraus, daß dieser regelmäßig seine Komponistenkollegen mit Aufträgen bedachte. Eine der Uraufführungen in den 60er Jahren war Ernst Kreneks "Der goldene Bock", ein Stück von offensichtlich eher mäßiger Qualität, denn es wurde (wenn überhaupt) kaum nachgespielt.


    Das Publikum reagierte während der Uraufführung mit Zwischenrufen auf manche Textstellen. So gab es bei der Stelle "So herrlich schmeckt Fisch ohne Schiß" höhnisches Gelächter, und als Toni Blankenheim als Indianerhäuptling vor seinem Zelt saß, gab es zu seinen Worten "Ich sitze hier und warte, daß es besser wird" den Zuruf "Wir auch!".


    Ein anderes von diversen Beispielen. Der Choreograph Georges Balanchine wurde von Liebermann zwei Mal als Regisseur von russischen Opern eingesetzt. Den Onegin habe ich in guter Erinnerung, aber sein Versuch, Ruslan und Ludmilla zum Leben zu erwecken, war schon in den 60er Jahren altmodisch. Balanchine jedenfalls zeigte sich beim Schlußbeifall nicht vor dem Vorhang, worauf ein Teil des Stammpublikums mit Sprechchören nach ihm rief, um ihn dann, als er sich endlich zeigte (vielleicht in Erwartung von Ovationen, schließlich hatte man ja ausdrücklich nach ihm gerufen) - auszubuhen.


    Harte Kämpfe gab es um den Heldentenor Hans Beirer, von einer Gruppe heiß geliebt, von einer anderen ebenso heiß angefeindet. Als Beirer in einer Siegfried-Vorstellung während des Waldwebens sang "Ich habe weder Brüder noch Schwestern" (heißt es so?), kam der Zwischenruf "Das wäre ja noch schöner!".

  • In Berlin gab es immer sehr viele Zwischenrufe in der Deutschen Oper
    bei modernen Werken zur Zeit als Gustav Rudolf Sellner noch Hausherr war.
    Mitunuter dachte man sei in einer Karnevalsveranstaltung.
    Zum Teil waren die Zwischenrufe ganz orginell und witzig,aber die
    Stimmung war dadurch in Gegner und Befürworter aufgeheizt!!!
    Hans Beirer war sicher ein Sänger wo es sehr viel Pro + Contra gab auch in Berlin und in Wien auch.
    Es wurde ja nicht nur gebuht, sondern Rufe erklangen wie "Aufhören"
    und "Au weia" und das mitten rein in die laufende Vorstellung.....
    Zum Schluß dann manchmal richigeTumulte.
    Evelyn Lear sang in einer Vorstellung die "Tosca" und wurde heftig bei offenem Vorhang ausgebuht darauf ging ihr Gatte Thomas Steward
    hinauf in den 2.Rang und prügelte sich fast mit den Buhrufern.
    Da könnte ich noch vieles Schreiben...
    :angel:
    Schöne Grüße aus dem sonnigen München :]

    mucaxel

  • Besonders schlimm war es seinerzeit in Berlin bei Schönbergs "Moses und Aron", als man dem Regisseur Schuh drohte, ihm Kupfervitriol ins Gesicht zu schütten. Das war aber kein Rassismus gegen Schönberg. Hans Beirer ist nach einem Schmiss am Schluß des "Fidelio" über die Feuerleiter geflüchtet. Heute ist das Publikum weitgehend permissiv (leider?).

  • Hallo!!


    Ich hab mal was von einem Skandal bei der Premiere der Gioconda in San Francisco gehört!


    Scotto und Pavarotti waren die Solisten. Als sie im 4.akt das Suicido gab, rief ein Zuschauer "POVERO PONCHIELLI" (Armer Ponchielli) dazwischen. Pavarotti konnte sich ein Lachen nicht verkneifen und Scotto glaubte er hätte diesen Mann angestiftet und sie zickte herum und verließ die Bühne um Pavarotti anzubrüllen. Man hörte ihre Schreiei bis in den Zuschauerraum.


    Seitdem traten die beiden nie wieder gemeinsam auf!!


    LG joschi

  • In Dallas sah sich Jon Vickers in einer Vorstellung von "Tristan und Isolde" genötigt, aus der Rolle zu fallen, weil im Publikum geradezu eine Hustenepedemie herrschte. Aber obwohl er das ziemlich rüde tat ("Shut up with your damn coughing!"), war das Publkum doch nicht
    hinreichend beeindruckt und das Katarrh-Konzert ging weiter...


    Der Vorfall wurde auch akustisch dokumentiert, nachzuhören hier: "www.handelmania.com/dristan.mp3"


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Eine hübsche Andekdote vom Beginn der 70er in München:
    Florestan (Hans Hopf): "Gott, welch Dunkel hier!"
    Die Lichter im Suschauerraum gehen unerklärlicherweise an.
    Das Publikum lacht hörbar.
    "Oh grauenvolle Stille..."
    Die Publikumsreaktion kann man sich vorstellen...

  • A propos "Fidelio". In ihrem letzten Auftritt in der Oper in Köln brach über Vickers und Gwyniith Jones ein solches Buh-Konzert herein, wie ich es noch nie erlebt hatte. Das richtete sich z.T. gegen die hirnrissige Inszenierung mit viel Plastik-Vorhängen, für die die beiden nichts konnten. Nach dem Ende haben wir mit beiden noch lange gesprochen und ihre äußerste Erregung erlebt. Dabei stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass Vickers körperlich noch kleiner war als Frau Jones, obwohl sie auch schon keine Riesin war.

  • An der Oper Hannover gab es mal vor gut 20-25 Jahren den "besonderen Opernabend". Das bedeutete, dass 2 bis 3 Stars für die Hauptrollen eingeladen wurden un die Preise sich dann verdoppelt haben. Bei dieser Gelegenheit habe ich mal den Don Carlos gesehen. Es war eh schon recht skurril denn, die Inszenierung der Oper war eigentlich modern, Don Carlos spielte in einem faschistischen an Nazideutschland erinnernden Bühnenbild und die OPer wurde auf deutsch gesungen- nur die Stars (Carlos, Posa, Eboli) machten da nicht mit und spielten in ihren eigenen traditionellen Kostümen 8) und sangen auf italienisch :wacky:
    Leider weiss ich nicht mehr wer gesungen hat, ich war da vielleicht 15.
    Ausgerechnet bei der Schwurszene mit Carlos und Posa hat wohl irgend jemand zu früh den Knopf gedrückt und der Vorhang ging viel zu früh runter... noch während die teuer eingekauften Stars sangen... :hahahaha: Man hat danach die Sänger wütend hinter der Bühne rumschreien gehört. Dann kam der damalige INtendant vor die Bühne und entschuldigte sich bei den Stars und dem Publikum für einen wörtlich "bisher unbescholtenen Mitarbeiter" (wörtlich)


    Gruss


    Syrinx

  • Und dann gab es noch einige Probleme um den wohl basedow-kranken Aragall, der einem leid tun konnte, da er eine herrliche Stimme hatte. Ich erlebte, wie er nach der mißlungenen Kadenz in der ersten Cavaradossi-Arie vor dem Dirigenten unvermittelt auf die Knie fiel und vernehmlich "scusi, Maestro" sagte, obwohl viele den Fehler gar nicht gemerkt hatten. Der klopfte dann unwillig ab.

  • Bei Aragall waren's wohl eher die Nerven, die ihm immer wieder einen Streich spielten. Um keinen Sänger haben wir in Wien so viel gezittert wie um ihn, weil man nie wusste, wie er reagierte, wenn ein Ton seiner Meinung nach verkracht war. Da konnte es vorkommen, dass er mitten in der Szene abtrat und erst nach verzweifelten Interventionen von Hinz& Kunz wieder bereit war aufzutreten. Dabei war er ein ausgesprochenen Publikumsliebling und wäre selbst bei einer inferioren Leistung (die ich bei ihm aber nie erlebte) nicht ausgebuht worden.
    An Skandale kann ich mich eigentlich nur im ZUsammenhang mit Franco Bonisolli erinnern, der wie kein anderer polarisierte. Man liebte ihn oder man hasste ihn, irgendwas dazwischen gab's offensichtlich nicht, und dementsprechend turbulent verliefen seine Vorstellungen auch sehr oft. Während seine Fans ob seiner fulminanten Spitzentöne, die er auch dort anbrachte, wo sie in der Partitur gar nicht vorgesehen waren, vor Begeisterung johlten, brüllten die Gegner "Zirkus" "Affentheater" u.ä. Nettigkeiten, und Bonisolli stand strahlend da und genoss den Wirbel um seine Person ungemein.
    Ich erinnere mich an eine Rigoletto-Serie, wo ihm der Dirigent Hans Graf das Dacapo von "la donna e mobile" verweigerte, worauf die Hölle losbrach und Bonisolli noch eins draufsetzte, indem er auf den Souffleurkasten sprang, sein Schwert zückte und dem Dirigenten ein "Vendetta!" entgegenschleuderte. Der blieb unbeindruckt, worauf der Tenor seine Arie a capella wiederholte. Angeblich (es wurde mir nur erzählt) haben einige Bonisolli-Fans Hans Graf nach der Vorstellung abgepasst und einige Ohrfeigen versetzt.
    Auf jeden Fall kenne ich einige Leute, die nur deswegen in Bonisolli-Vorstellungen gingen, "weil's da eine Hetz (= Gaudium auf Wienerisch) gibt". :D :D
    lg Severina :hello:

  • Ich werd's nie vergessen: Hans Beirer war ja schon zu besseren Zeiten ein Heldentenor, der brüllen konnte, aber die richtigen Noten selten traf - und vor allem oft nicht zum richtigen Zeitpunkt.
    Eine "Götterdämmerung" war's, Beirer, der sich als rund siebzigjähriger Siegfried versuchte, war schon zwei Akte lang jenseits von Gut und Böse gewesen. Im dritten Akt war's ganz aus. Beirer hatte den Faden verloren, setzte permanent falsch ein und sang irgendwas. Als er mit "Trink, Gunther, trink" zweimal (!) zu früh einsetzte, zählte der Dirigent Horst Stein für das ganze Publikum hörbar laut vor und sang an der richtigen Stelle die Phrase selbst.
    Am Schluß tobte das Publikum: Die einen buhten Beirer aus, die anderen Stein, die Gemüter waren auf Siedehitze. Und es war eine der wenigen Gelegenheiten, daß es die Kultur auf Seite eins der Wiener Boulevard-Zeitungen schaffte.
    :hello:

    ...

  • In den 70er Jahren (war wohl so 76,77) wurde in Hamburg Le Grand Macabre von Ligeti gegeben. Das war wohl vielen Leuten zu modern. Ich saß im 4. Rang und sah mit meinen eigenen Augen, wie mitten in der Vorführung vor mir ein altes Muttchen, nachdem sie schon dauernd gemeckert hatte, ihre Handtasche öffnete, ein Ei (oder mehrere?)herausholte und dieses auf die Bühne warf. Danach wurde sie von einem freundlichen Ordner herausbegleitet.
    Am meisten war ich über den Vorsatz erstaunt - mit einem Ei in die Oper zu gehen.

    Without deviation from the norm, progress is not possible.
    (Frank Zappa)

    2 Mal editiert, zuletzt von calaf ()

  • Leider nicht selbst erlebt, aber aus erster Hand erfahren:


    Ende der 90er Jahre im Bremer Theater. Mitten in der Aufführung springt ein Herr im Parkett auf, läuft durch die Reihen (der Zuschauerraum war fast leer) und schreit: „Es ist eine Schande, wofür hier Subventionen verschwendet werden. Der größte Dreck, den ich je gehört habe.“ Gespielt wurde damals übrigens – „Intolleranza“ von Luigi Nono. Es soll nicht wenige gegeben haben, die deshalb dachten, dass das zum Stück gehört...

  • Zitat

    Original von calaf
    Ich saß im 4. Rang und sah mit meinen eigenen Augen, wie mitten in der Vorführung vor mir ein altes Muttchen, nachdem sie schon dauernd gemeckert hatte, ihre Handtasche öffnete, ein Ei (oder mehrere?)herausholte und dieses auf die Bühne warf.


    War sozusagen voll das Überraschungsei, wa?


    :D

  • Ich selbst habe nach einer unsäglichen Inszenierung von "Templer und Jüdin" in Gießen in die Stille vor dem Schlussapplaus "Pfui Teufel!" gerufen - ein Chormitglied meinte danach "auch Du warst das - ich hatte mich schon gewundert, Pfui Teufel ist hier eher unüblich...".


    Hätt' ich doch was zum Werfen dabeigehabt - aber Herr Montavon wäre ja eh' nicht in Reichweite gewesen.


    Ekelhaft - ich konnt' die ganze Nacht nicht schlafen und war auch vom Verriss dieser Inszenierung im Opernglas nur schwach getröstet.


    :hello:
    BBF

    "Dekonstruktion ist Gerechtigkeit." (Jacques Derrida)

  • Guten Tag


    Ich erinnere mich nur an einen familiären Ausflug in die Oper Hannover mit Großmüttern und Austauschstudentin aus Australien. Es wurde Aida gegeben und man hatte eine Art Patchwork-Vorhang in Erdtönen ausgewählt, woraufhin meine Großmutter laut und deutllich in die Stille sagte:


    "Die hätten sich auch mal einen neuen Vorhang leisten können" :D


    Kurioserweise blieb bei einer anderen Gelegenheit (meine Mutter und ich besuchten eine Aufführung von Mozarts "Idomeneo" ) das hannöversche Publikum recht ruhig - sieht man einmal von den größtenteils unterdrückten Heiterkeitsbekundungen ab - als man, da die Sängerin der Elettra indisponiert war und die Zweitbesetzung anscheinend auch nicht verfügbar, aus dieser Partie kurzerhand eine Sprechrolle machte. Mit Koloraturen und allem drum und dran. "Die Gri-i-i-i-iiiieeechen"


    Dieser Abend ist mir in seiner Skurrilität auch nach 15 Jahren noch unvergessen.


    Beste Grüße


    Vitellia

    Einmal editiert, zuletzt von Vitellia ()

  • Misha


    Bei besagtem Hoffmann war ich auch dabei, ich habe glaube ich sogar noch das Progrmmheft irgendwo. War ganz nah dran, fünfte Reihe im 1. Parkett.


    Buzea torkelte als betrunkener Hoffmann am Anfang schon so ungeschickt herum, daß da die Unruhe begann. Ergänzt durch seine sängerische Unzulänglichkeit stieg der Adrenalinpegel stetig.


    (Laut Hermes Handlexikon der OGA soll er übrigens mal seine Zeit gehabt haben)


    Als er sich bäuchlings auf Edda Moser warf, die auf einer Chaiselongue ruhte, brach sich der Aufstand des Publikums Bahn.
    Herr Buzea sagte so etwas wie "... lassen Sie uns doch endlich arbeiten ..." und ein Herr zwei oder drei Plätze neben mir brüllte zurück: "Dann fangen Sie mal an - bisher markieren Sie ja nur!".


    Das war alles schon ziemlich wild.


    Nello Santi, der in Köln früher öfter dirigierte, soll mal in den 2. Rang gerauscht sein und einen Buh-Rufer geohrfeigt haben.


    LG Ulmo

    SINE IRA ET STUDIO (Tacitus)

  • Ich hab mal (in großer Vorzeit) eine ähnliche "Salome"-Situation wie schon hier berichtet erlebt: Nach einer sehr beeindruckenden aber szenisch gemäßigt modernen Inszenierung meinte jemand, in die atemlose Stille nach "Man töte dieses Weib!" hineinbrüllen zu müssen: "Endlich"
    In die immer noch anhaltende Stille antworte ich voller Emotion "Idiot" - woraufhin sich der Dirigent umdreht und mir applaudierte.


    Das einzige Mal übrigens, dass ich im Theater Beifall erhielt ...

    "Dem Volke zur Freude und Erhebung"
    Widmung Georgs II am Giebel des Meininger Theaters

  • Zitat

    Original von tmichelmgn


    In die immer noch anhaltende Stille antworte ich voller Emotion "Idiot" - woraufhin sich der Dirigent umdreht und mir applaudierte.


    Das einzige Mal übrigens, dass ich im Theater Beifall erhielt ...


    :hahahaha: :hahahaha: :hahahaha:


    Lieber Thomas,


    herzlich willkommen hier im Forum! Mit dieser Art von Humor wirst Du hier sicher öfter Beifall finden, und ich hoffe, dass wir auch von Deinen fundierten Kenntnissen profitieren, die ich aus Deinem Rundbrief zum Meininger Theater kenne.


    :hello:
    Elisabeth

  • Ich hab auch einen......


    Staatstheater Mainz, man gibt den Freischütz. Die Sängerleistungen sind mäßig. Als Ännchen mit deutlich amerikanischem Akzent Agathe fragt: "Hast Du geweint?" kommt aus dem Publikum der laute Ruf: "Nein, das sollte Singen sein!"


    Gruß
    Rosenkavalier

  • Ich hab noch einen Bericht:


    Stadttheater Würzburg, etwa 1980.


    Lucia di Lammermoor, letzte Vorstellung der Spielzeit.


    Vor Beginn der Vorstellung wird angesagt, dass der Tenor leider plötzlich erkrankt ist. Man hat zwar einen Einspringer aus Frankfurt gefunden, allerdings beherrscht der die Rolle nur in Italienisch, während die Würzburger Produktion in deutscher Sprache ist. Man habe das hinnehmen müssen, weil die Vorstellung sonst hätte ersatzlos ausfallen müssen.


    Erste Szene mit Tenor: Er stürzt herein, wirft sich Lucia zu Füßen und singt - italienisch. Gegen Ende seiner etwas längeren Auführungen konnnte man sehen, dass Lucia plötzlich stark mit Heiterkeit zu kämpfen begann. Sie brachte ihre deutsche Antwort aber noch klar und deutlich heraus: "Was sagst Du?"
    Allgemeine Heiterkeit, die Vorstellung "stand", bis sich alle wieder beruhigt hatten.


    Nur der arme Tenor wusste nicht, warum alles lachte ...


    Viele Grüße
    Thomas

    "Dem Volke zur Freude und Erhebung"
    Widmung Georgs II am Giebel des Meininger Theaters

  • Ach wenn das italienische Blut schäumt und wallt...
    Es begab sich in den siebziger Jahren zu München im Nationaltheater, als der Dirigent Nello Santi gelegentlich das italienische Repertoire betreute. Wenn ich mich recht entsinne, dirigierte Santi eine Aida-Aufführung - eine Repertoirevorstellung, die er ziemlich routiniert und lieblos abgespulte. Einen Zuschauer in den vorderen Parkettreihen empörte diese musikalische Mittelmäßigkeit dermaßen, daß er während der Vorstellung dem Dirigenten mehrfach Kommentare zurief, was den dazu animierte, den Zuschauer ebenfalls mit Worten zu bedenken, während er vor sich hin dirigierte. War dieses "Gespräch" schon kurios genug, so stand der Höhepunkt erst noch bevor. Kaum war der Akt beendet, stürmte Signore Santi in den Zuschauerraum, stellte den Kritiker temperamentvoll zur Rede und bekräftigte seinen Standpunkt mit einer schallenden Ohrfeige. Eine nette Pauseneinlage, die dieser Aida-Aufführung eine völlig neue Qualität gab und der Boulevard-Presse zu einem echten Highlight verhalf.
    Die Intendanz indessen muß dieser Vorfall weit weniger amüsiert haben als das Publikum. Soweit mir kannt, hat Nello Santi seither in München keine Oper mehr dirigiert.


    Florian

  • Hallo,


    da hatte ich auch einige einprägsame Erlebnisse.


    Eines aus Wien: Staatsoper Mitte der 90er, Tannhäuser, absolut inferiore Leistung des gesamten Sängerensembles. Der Ruf von der Bühne am Ende des 2. Aktes: "Nach Rom!" wurde vom Stehplatz mit "Bleibt dort!" beantwortet, statt "Bravos" oder "Buhs" ertönte das eine oder andere lautstarke "Erbarm dich mein" aus dem Publikum.
    Leider nur für die nächste Umgebung hörbar war der Kommentar meiner Nachbarin: Als Wolfram im 3. Akt endlich singt "Mich fasst ein tiefes Mitleid für dich an." sagte sie lapidar: "Mi scho lang!"


    Eines aus Berlin: Staatsoper, Barenboim dirigierte Walküre, den ersten Akt ungewohnt unkonzentriert, ab dem 2. Akt IMO wunderbar, vor allem die Todverkündigung intensiv wie selten zuvor gehört. Bis dahin kaum Reaktionen vom Publikum. Beim Auftritt zu 3. Akt wird Barenboim von den meisten freundlich akklamiert, von einer Clique am letzen Rang links jedoch aggressiv ausgebuht. Barenboim winkt das Publikum ab und verkündet: "Jenen, die jetzt gebuht haben, rate ich, nach Hause zu gehen, der 3. Akt wird auch nicht besser. Da Sie aber gezeigt haben, dass sie kräftige Stimmen haben, können Sie morgen gerne zum Vorsingen kommen und es selbst auf der Bühne probieren." Das drauffolgende Applaus- und Buhgewirr wartete er nicht ab sondern gab mit der gesamten Wut im Bauch aus der Drehung zum Orchester den Einsatz für einen "furiosen" Walkürenritt.


    Lg

    leporellina


    Musik machen ist ein erotischer Akt, weil es mit Wollen, mit Leidenschaft zu tun hat. Daniel Barenboim

  • In einer Zauberflöte der 60er Jahrere


    Tamino: M. Dickie, Pamina: Hanny Steffek.


    Die Steffek, die an und für ich eine recht gute Pamina war, wegen des Falschsingens des Dickies, auch rausgekommen -


    und sang auch falsch, auch, bevor die Szene mit den Knaben ist,
    "Dieses Eisen töte mich!",


    was mich zu der Bemerkung hinreissen ließ: "Stich zu, es ist nicht mehr zu ändern".


    Liebe Grüße Peter, aus Wien.

  • Im April oder Mai diesen Jahres im Theater Erfurt bei einer Aufführung der viel zerredeten Kresnik-Inszenierung des Maskenballs von Verdi:


    Das erste Bild im ersten Akt spielt nicht nur inmitten einer Trümmerladschaft, sondern auch noch in der Sauna. Die Soldaten (Chor) entledigen schwitzend ihrer Uniform, die Solisten vergügen beim Aufguss, bkleidet mit Saunahandtuch und Bademantel. Das Bild endet in einer Art Revue-Nummer, bei der die Protagonisten recht zügellos zusammen herumtänzeln. Volles Orchester, Solisten und Chor bestreiten das Ende des ersten Bildes.


    Das Bild ist zu Ende, die Musik auch. In die Stille ruft ein Zuschauer: "So ein Scheiß!", worauf sich der junge Dirigent Joji Hattori umdreht und recht trocken entgegnet: "Wir Musiker nehmen das jetzt mal nicht persönlich!". Die Folge war kräftiger Applaus für diese Bemerkung.



    Nachtrag:
    Ich würde niemals als Zuschauer oder Zuhörer in einer Vorstellung derartige Kommentare äußern oder gar durch den Saal rufen. Als Hobby-Musiker weiß ich was für eine Arbeit im Musizieren steckt, auch wenn der eine oder andere Solist, Orchester oder Chor die Erwartungen nicht ganz erreicht. Zudem finde ich es einfach unpassend und unhöflich, nicht nur den Künstlern sondern auch dem restlichen Publikum gegenüber. Mir erscheinen solche einzelnen Zwischenrufer immer als etwas sehr Ich-bezogen und man gewinnt den Eindruck, derartige Zwischenrufe haben auch die Absicht sich selbst in irgendeiner weise zu profilieren und in der Fordergrund zu stellen.


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello: