Was mich an Franz Liszt fasziniert.....

  • Eigentlich könnte ich die Antwort kurz fassen: Schlicht und einfach NICHTS.


    Die h-moll Sonate ist mir zu spröde, seine Sinfonischen Dichtungen sind mir (bis auf eine Ausnahme) kaum im Gedächtnis.


    Lediglich eine Kaskade von Bearbeitungen und Variationen von Werken anderer Komponisten habe ich im Hinterkopf. Alles virtuos und eindrucksvoll
    gestaltet ("komponiert" - da sträubt sich mir die Feder - äh Tastatur)


    Dennoch habe ich heute mit (überraschend) viel Genuss die Nr 16 der Naxos Gesamtaufnahme von Liszts Klavierwerken gehört (Variationen über Themen bzw Lieder von Beethoven) - und ich kann mir gut vorstellen welchen Eindruck sein Spiel bei Zeitgenossen gemacht hat.


    So widme ich also auch diesem Komponisten eine Folge der Serie, wo jeder, der möchte, darlegen kann was ihn ausgerechnet an diesem Komponisten fasziniert....


    Vielleicht gibts ja doch das eine oder andere zu entdecken....


    mfg


    aus Wien


    Alfred

    Die Tamino Moderation arbeitet 24 Stunden am Tag - und wenn das nicht reicht - dann fügen wir Nachtstunden hinzu.....



  • Hallo,


    Mich fasziniert an Liszt seine anarchische, fast atonale weise mit dem Klavier umzugehen. Die meisten seiner Klavierkompositionen kümmern sich einen Scheissdreck um irgendwelche damals gängigen Standards - das Problem: Liszt macht das nur, um virtuos sein zu können.


    Schön sind auch einige der späten Klavierstücke, die sich teils sehr stark von der Virtuosität abwenden und einen in sich gekehrten, spirituellen Liszt zeigen.
    Es gibt da, wenn ich mich recht entsinne auch einen Thrad von Zwielicht.


    Die beiden Klavierkonzerte mag ich, trotz ihrer Plakativität sehr.
    Das Liszt absolut nicht die Krone der Komposition darstellt ist mit trotzdem klar.


    LG
    Raphael

  • Ich hielt Liszt auch geraume Zeit lang für einen Tastenvirtuosen, dessen Kompositionen zu leerer Klingelei neigen.


    Den Umschwung bei mir brachte sein Kreuzweg (Via Crucis - für Chor und Orgel oder wahlweise auch Klavier). Dieses abgeklärte, nach innen gekehrte Werk eröffnete mir einen völlig neuen Blick auf Liszt. (Dieser Stil findet sich in Teilen auch im Christus-Oratorium). Prompt gefiel mir dann auch wieder die h-moll-Sonate und diverses andere über die Prometheus-Tondichtung bis hin zur Faust-Sinfonie. Aber ich habe immer noch viel unerschlossenes vor mir und einiges wird wohl auch stets übervirtuose aber doch einigermaßen leere Klingelei bleiben (?).


    herzliche Empfehlung


  • Ich vermute, dass den meisten hier zuallererst die h-moll-Sonate einfallen wird - das zeigt auch das Ergebnis im Sonaten-Ranking-Thread. In diesem Werk ist Liszt die Balance zwischen einer neuartigen Formkonstruktion, pianistischer Virtuosität und der Qualität des thematischen Materials wohl am besten gelungen. Ich kenne weniges aus der Geschichte der Klaviersonate, was man dem an die Seite stellen kann.


    Andere Werke, die sich konzeptionell durchaus neben der h-moll-Sonate sehen lassen können, werden dagegen manchmal mit unverhohlener Verachtung bestraft: etwa das zweite Klavierkonzert in seiner monothematischen Anlage oder die Faust-Symphonie. Über die Symphonischen Dichtungen habe ich mich kürzlich an anderer Stelle kurz geäußert - es gibt bei diesen Werken unleugbar Probleme: zum einen kann die Qualität der Themen und ihrer Verarbeitung nicht immer ganz mit der komplizierten Konstruktion mithalten. Zum anderen ist diese Komplexität anscheinend ohne intensives Hören und Partitur auch für geschultere Hörer, als ich es bin, nur sehr schwer nachzuvollziehen (so das sich schnell der Eindruck von Willkür und Formlosigkeit einstellt).


    Es gibt auch rezeptiongeschichtliche Aspekte, die einer offeneren Liszt-Rezeption im Wege stehen: eine bereits bei Schumann erkennbare Abneigung gegen das Phänomen "Virtuosität", das als äußerlich und der deutschen Innerlichkeit entgegengesetzt empfunden wird. Zum anderen die Verkleinerung Liszts durch Wagner und die Wagnerianer, die hier wieder mal ganze Arbeit geleistet haben.


    Das Phänomen der Bearbeitungen und Paraphrasen mutet einem Publikum, das noch immer dem Kult des Originals anhängt, sehr fragwürdig an. Ich kopiere mal dreist ein paar Sätze zu diesem Thema aus einem anderen Thread hierher:





    Den Einstieg zu Liszt findet man sicherlich als Klavierliebhaber am schnellsten. Hier gibt's auch außerhalb der h-moll-Sonate viel Großartiges, allerdings muss man tatsächlich die Spreu vom Weizen trennen.


    Wer den ganz radikalen, "modernen" Liszt kennenlernen will, der sei auf das Spätwerk für Klavier hingewiesen. Darüber gibt's bereits einen Thread, auf den Raphael dankenswerterweise schon hingewiesen hat:


    Franz Liszt: Späte Klavierwerke



    Wer einmal die wahrhaft bestürzenden Stücke wie Aux cyprès de la Villa d’Este I, Sunt lacrymae rerum oder Unstern! – Sinistre kennengelernt hat, wird möglicherweise auch manche der früheren Werke Liszts anders einschätzen.


    Zur musikgeschichtlichen Stellung des Komponisten müsste man nochmal ausführlicher etwas sagen. Ganz subjektiv: Immer wieder stehe auch ich ratlos oder befremdet vor manchen seiner Werke - trotzdem halte ich Liszt für einen hochgradig faszinierenden Komponisten!



    Viele Grüße


    Bernd

  • Liszt ist für mich eine bedeutendsten und zukunftsweisensten Komponisten des 19. Jahrhunderts. Ich selbst habe mich als nichtprofessioneller Pianist mit den Annees de Pelerinage beschäftigt - sie verkörpern das romatische Ideal der Einheit der Künste: Die Verbindung von Musik, Literatur (es sind Texte von Byron und Senancour im Notentext abgedruckt!) und bildender Kunst! Da braucht es einen umfassend gebildeten Interpreten! Der Nur-Virtuose scheitert an Liszt komplett! Von Liszt stammt die Definition der Musik als >Schweben zwischen dem absoluten Nichts und der Ewigkeit< - da werden die äußersten Extreme zusammengespannt, in die Abgründe der menschlichen Seele geleuchtet - Liszt ist ein wahrlich philosophischer Komponist! Zum >absoluten Nichts< zählen Stücke wie Funerailles oder >Nuages gris<, die abgründigen Trauergondeln, zur >Ewigkeit< etwa >Sposalizio< nach Raffael! Ein großer Skeptiker und Zweifler war Liszt - bei seiner Dante-Sonate geht am Ende das Höllentor zu - es gibt kein Entrinnen! Die h-moll-Sonate (Alfred Brendel: >die bedeutendste Sonatenkonzeption nach Schubert) interpretiert Claudio Arrau als eine Faust-Symphonie für Klavier - heraus kommt eine ungemein expressive und tiefschürfende Interpretation! Vielleicht soll ich meine Besprechung der Liszt-Platte von Arcadi Volodos hier im Forum einstellen?


    Gruß Holger

  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • Zitat

    Original von Dr. Holger Kaletha
    Liszt ist für mich eine bedeutendsten und zukunftsweisensten Komponisten des 19. Jahrhunderts. Ich selbst habe mich als nichtprofessioneller Pianist mit den Annees de Pelerinage beschäftigt - sie verkörpern das romatische Ideal der Einheit der Künste: Die Verbindung von Musik, Literatur (es sind Texte von Byron und Senancour im Notentext abgedruckt!) und bildender Kunst!



    Ganz wichtiger Hinweis - die "Grenzüberschreitungen" lagen Liszt mindestens ebensosehr wie Wagner.


    Das gilt auch für ein Thema, bei dem Liszt im 19. Jahrhundert aus allen Rastern herausfällt: er lässt sich nicht eindeutig einer Nationalkultur zuordnen. An der österreichisch-ungarischen Grenze geboren, in Paris gesellschaftlich und musikalisch sozialisiert, dann in Weimar versuchend, eine neue deutsche Musikkultur aufzubauen. Er fühlte sich als Ungar (ohne die Sprache zu beherrschen) und bekannte sich gleichzeitig immer stärker zum übernationalen Katholizismus, ohne damit glücklich zu werden. Das ist nicht nur ein biographischer Faktor: Liszt bewegt sich zwischen den Polen Beethoven, Berlioz, Schumann, Chopin, Wagner, Meyerbeer, italienische Oper. Nicht umsonst sind auch die aufblühenden osteuropäischen Musikkulturen von Liszt sehr stark beeinflusst worden (Borodin, Smetana etc.).


    Kein Komponist in dieser Zeit hat ein so dichtes Netz von Beziehungen über ganz Europa ausgebaut. Kein Komponist war aber auch ein so rastlos Reisender, ja Vagabundierender. Das Reisen als Lebens- und Kunstform hat z.B. in den "Années de pèlerinage" Niederschlag gefunden. Die sind ja nichts weniger als ein musikalisches Fotoalbum, sondern - wie schon von Holger gesagt - eher der Versuch, einen europäischen Kosmos aus Natur, Literatur, bildender Kunst, Religion und Geschichte zu formen.


    Dass gerade im dritten Band die düsteren Stücke so sehr überwiegen, ist kein Zufall. Die tiefe Enttäuschung, das vergebliche Suchen nach Trost in der Religion und das fast fluchtartige Hin- und Herreisen zwischen Bayreuth, Budapest und Rom finden eine Parallele in der lapidaren, bis an die Grenze der Tonalität gehenden späten Klaviermusik - dem "Schwärzesten", was die Musik des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hat, die völlige Negierung aller Wagner'schen Erlösungshoffnungen.



    Viele Grüße


    Bernd

  • ...einige der Stücke aus Bd. 1 u. 2 (resp. a.d. Ergänzungs?-Band "Venezia e Napoli") gehören für mich
    - der ich, zugegeben, mit romant.Musik sooviel nicht anfangen kann (entspr. eher-bescheiden meine diesbezgl. HörErfahrung) -
    zum Beglückendsten, was im 19.Jhdt. für SoloKlavier geschrieben wurde =)


    "Au bord d`une source" steht mir für p u r e L e b e n d i g k e i t,
    "Sonett 123 del Petrarca" - ebenso pur - für P o e s i e
    UND "Gondoliera" ist für mich geradezu "WellnessMusik" :yes:
    - selbstredend turmhoch über dem, was heute unter diesem Etikett verkauft wird...


    ...zu den "Anees" sollten wir mal einen eigenen Thread starten ;)
    - - - würd`mich bsp.weise interessieren, wie Kundigere als mich die KempffAufnahmen von 1950
    (9 Stücke daraus sinds gewesen, wenn ich recht erinnere - die DoppelCD aus der PhilipsReihe "Great Pianists..." find ich seit über `nem Jahr nimmer :()
    im Vgl. zu anderen Interpretationen bewerten...


    (Selbst hatte ich mal vor Jahren Gelegenheit, "...d`une source" kurz nacheinander erst in der KempffVersion, dann in einer - älteren? - HorowitzAufnahme zu hören: Im Vgl. zu Horowitz schien mir Kempff die Szenerie quasi in jap.Tusche zu tauchen... - warum nicht ;))


    scheenes WE !!!!!!!!!


    Micha

  • Zitat

    Original von pieter.grimes



    ...zu den "Anees" sollten wir mal einen eigenen Thread starten ;)
    - - - würd`mich bsp.weise interessieren, wie Kundigere als mich die KempffAufnahmen von 1950
    (9 Stücke daraus sinds gewesen, wenn ich recht erinnere - die DoppelCD aus der PhilipsReihe "Great Pianists..." find ich seit über `nem Jahr nimmer :()
    im Vgl. zu anderen Interpretationen bewerten...


    Lieber Micha,


    einen eigenen Thread zu den "Annees"? Eine gute Idee! Du hast doch sicherlich Lust, den Anfang zu machen, oder?


    Kempff und Liszt? Das wäre interessant. Ich habe keine Liszt-Aufnahme von Kempff, erinnere mich aber einmal in Joachim Kaisers "Große Pianisten" gelesen zu haben, dass für Liszt Kempff Bravour und Brillianz abgingen- verglichen mit Richter beispielsweise. Allerdings bezog sich die Kritik (wenn ich mich nicht täusche) auf das zweite Klavierkonzert.


    Liszt ist ein Getriebener- immer auf der Suche nach einem Ideal. Man kann das nur zu gut an den den zahlreichen Versionen seiner Werke für Klavier erkennen. Persönlich hat mich der Klavierkomponist immer mehr interessiert als der Komponist der symphonischen Dichtungen- die haben mich (mit Ausnahme der Faust Symphonie) nie so richtig interessiert, einen Zugang habe ich noch nicht gefunden.


    Liszt ist mir auch in Erinnerung geblieben als ein Mäezen und Förderer, als ein Künstler, der sich mit großem Enthusiasmus für seine Kollegen und deren Schaffen einsetzte. Von seinen Kompositionen für Klavier sind es neben der h-moll Sonate und den Annees vor allem die späten Klavierstücke die mich ansprechen.


    Zu den beeindruckendsten Klavierwerken Liszts gehören für mich (auch wenn es keine genuinen Eigenschöpfungen sind) seine Transkriptionen der Beethoven-Symphonien. Man hört die Symphonien anders. Viele Details werden hörbar- die sonst im Orchester untergehen.


    Wer übrigens den "späten" Liszt kennenlernen möchte, dem kann ich nur das Liszt-Album von Arcadi Volodos ans Herz legen. Und wer die abgründigen Funerailles schätzt, kommt hier voll auf seine Kosten:



    Vallee d'Obermann;Il Penseroso;St. Francois d'Assise - La
    predication aux oiseaux;Bagatelle ohne Tonart;Ungarische
    Rhapsodie Nr. 13;Sposalizio;Präludium nach Bach "Weinen,
    Klagen, Sorgen, Zagen";Funerailles;La lugubre gondola Nr. 2;
    Nocturne "En reve"




    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Ich bin der Ansicht, dass man Liszt nicht unbedingt viel näher kommt, wenn man ihn in erster Linie als Tastenvirtuosen (miß)versteht. Ihm als talentierten Klavierspieler war einfach vieles selbstverständlich, was anderen schwer fiel, und dem heutigen Pianisten erst recht, da er noch mit der leichtgängigen Wiener Mechanik aufwuchs, auf der etliches viel leichter geht. Auch der Klang dieser Instrumente nimmt seiner Musik viel von der donnernden Schwere.


    Ich kann mich an meine erste Begegnung mit Liszts Musik noch gut erinnern, das waren die Werke für Klavier und Orchester mit Michel Béroff und Kurt Masur - konnte mich beeindrucken, aber nicht fesseln.
    Dann die ersten Aufnahmen auf historischem Klavier: Andrea Bonattas Aufnahmen der Consolations und später Klavierstücke auf Astrée, die der Musik einen leichten, vielfarbigen Klang zurückgaben. Leider sind sie mit zwei CDs von Jos van Immerseel bisher die einzigen geblieben, denn auch die Orchesterwerke gewinnen unglaublich durch die leuchtenden Farben der alten Instrumente, besonders wegen Liszts unorthodoxer Instrumentierung. Andreas Spering möge mal den Christus oder die Heilige Elisabeth machen!


    Mir hat auch die Lektüre von Reinhard Haschens Buch Franz Liszt. Die Überwindung der Romantik durch das Experiment sehr viel gebracht, er zeichnet ein viel differenzierteres Bild von Liszt als allgemein üblich, ohne die Widersprüche zu glätten. Meine Empfehlung - mich hat das Buch auf weitere Werke neugierig gemacht.



    Antiquarisch preiswert zu bekommen.

  • klar, h-moll (eingespielt von Demidenko) - der Rest ist mir zu schwierig!


    Was aber insbesondere seine Bedeutung für mich ausmacht, ist die unglaublich gelungene Transkription des Orgelstücks Präludium und Fuge a-moll, BWV 543, für das Klavier.


    Weissenberg hat es auf höchstem Niveau eingespielt, aber Leslie Howard ist auch nicht schlecht, der auch noch die weiteren 5 Präludien und Fugen von Bach, die Liszt transkribiert hat, auf einer Hyperion-CD (CDA66438 ) versammelt hat.

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  • Hallo!


    Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Eigentlich könnte ich die Antwort kurz fassen: Schlicht und einfach NICHTS.


    Die h-moll Sonate ist mir zu spröde, seine Sinfonischen Dichtungen sind mir (bis auf eine Ausnahme) kaum im Gedächtnis.


    Im Prinzip kann ich mich da anschließen,
    allerdings fasziniert mich Liszt als Bearbeiter für Klavier von Werken anderer Komponisten - insbesondere seine Klavierfassung der Beethoven-Symphonien. Aber auch Schubert-Lieder oder Bach-Orgelwerke hat er vorzüglich für Klavier arrangiert.



    Als Komponist eigenständiger Werke konnte mich Liszt bislang kaum überzeugen. Ausnahmen sind z.B. der "Totentanz" für Klavier und Orchester und Teile seines "Christus"-Oratoriums.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Eigentlich könnte ich die Antwort kurz fassen: Schlicht und einfach NICHTS.


    Die h-moll Sonate ist mir zu spröde, seine Sinfonischen Dichtungen sind mir (bis auf eine Ausnahme) kaum im Gedächtnis.


    Lediglich eine Kaskade von Bearbeitungen und Variationen von Werken anderer Komponisten habe ich im Hinterkopf. Alles virtuos und eindrucksvoll
    gestaltet ("komponiert" - da sträubt sich mir die Feder - äh Tastatur)

    Und damit willkommen im Liszt-Jahr! ;-)


    Aber im Ernst, ich mag Liszt sehr gerne. Ein Problem ist, dass er doch sehr gerne reduziert wird, beispielsweise auf das Klavier. Allein seine Choral-Werke sind umfangreicher als Chopins gesamtes Schaffen. Quantität hat mit Qualität zwar außer einer Menge Buchstaben nicht viel gemein, aber ich meine dass man Liszt schon gehörig Unrecht tut, wenn man ihn auf einen Tastenakrobaten reduziert.


    Freilich, die Auslotung der manuellen Möglichkeiten war sicher in seinem Interessengebiet (zum Glück! Alle Komponisten nach ihm konnten davon zehren) und er hatte sicher seine Freude an Fingerfertigkeit und wusste wie kaum ein anderer Komponist, wie man effektvolle Passagen zu setzen hat, so dass sie Eindruck machen und oft sogar schwerer klingen als sie sind. Aber ebenso hat er mit Harmonien experimentiert, die in seinem Spätwerk nicht nur Debussy sondern gar die Atonalität vorweggenommen haben. Hier ist ein ausführlicher Thread hierzu.


    Der exzellente Pianist Stephen Hough, der selbst vorzüglichen Liszt eingespielt hat, hat vor kurzem in seinem Kolumne für The Guardian einen Artikel zu Ehren von Liszt geschrieben, den ich sehr lesenswert finde. Er ist zwar auf Englisch, aber wer der Sprache mächtig ist sollte sich die Zeit dafür nehmen: The hot Liszt. Hier wird seine Vielseitigkeit und sein Einfluss zusammen gefasst.


    Übrigens: Wer ein iPhone oder ein iPad sein eigen nennt, kann dort die kostenlose App iBooks herunter laden. Dort findet man, wenn man in die Suche "liszt" eingibt, kostenlos elektronische Bücher mit Liszts Briefen und zwar zwei Bände mit der Wagner-Liszt-Korrespondenz und zwei Bände mit den Briefen von Liszt. Ich stöbere darin hin und wieder herum und finde es einen schönen Zeitvertreib während man irgendwo warten muss.


    Ich will ein paar Klavierwerke von Liszt auflisten, die mir besonders gut gefallen. Da sind zunächst seine eigenen Kompositionen, die oft schlecht weg kommen nach dem Motto "Wenn er Bearbeitungen schreibt macht er seine Sache meist gut, aber selbst scheint ihm nichts tolles einzufallen". Nun, das würde ich nicht sagen.
    Da sind zum einen die drei Liebesträume. Der dritte ist zwar der bekannteste, aber schön sind sie alle. Dann sind da seine sechs Consolations, die an Nocturnes erinnern und im übrigen überhaupt nicht virtuos sind.
    Die Transzendentalen Etüden sind zwar schwer zum Erblühen zu bekommen, aber wenn jemand technisch über den Dingen steht, ist das herrliche Musik. Ich empfehle dazu Kissin (er spielte nur ein paar ein), Cziffra oder Arrau.
    In den drei Années de Pelerinage sind zukunftsweisende Kompositionen, etwa Vallée D'Oberman (Volodos), Au bord d'une source, die drei Sonetti del Petrarca (das Sonetto 104 gehört zu meinen liebsten Liszt-Kompositionen und ich empfehle Jorge Bolet), die Dante-Sonate (Volodos), Les jeux d'eaux à la Villa d'Este (Cziffra). Das ist Programmmusik, die Bilder vor Augen zaubern kann. Wer bei den Wasserspielen dieselben nicht perlen und sprudeln sieht, hat wahrscheinlich nur eine schlechte Aufnahme zur Hand genommen...
    Dann haben wir noch die vier Mephisto-Walzer. Nicht nur der erste lohnt sich, aber bei diesem ist die frühe Cziffra-Aufnahme besonders diabolisch. Seine beiden Polonaisen und Balladen haben meiner Meinung nach sehr hübsche Ideen, bei denen man vielleicht als Hörer - wie so oft bei Liszt - über den Tellerrand der spieltechnischen Schwierigkeiten hinausschauen muss, um die Tiefen zu erkennen.
    Seine 19 Ungarischen Rhapsodien verarbeiten zwar Themen aus ungarischen Weisen und ähnlichem, dürfen aber wohl trotzdem als sehr originelle Kompositionen angesehen werden. Wer eine gute Gesamteinspielung haben will, ist mit frühem Cziffra bestens bedient. Er hat als Landsmann das passende Temperament im Blut und keinerlei technischen Probleme. Meine liebsten sind die No.2 (natürlich...), 6, 9, 10, 12, 13, 15, 19.


    Als Bearbeiter sucht Liszt freilich seinesgleichen. Er weiß wie kaum ein anderer Werke auf das Klavier funktionierend zu übertragen und die vielen Lieder von Schubert, Beethoven, Schumann, Mendelssohn... sind genauso ein Beweis dafür wie die Beethoven-Sinfonien und die prachtvollen Opern-Transkriptionen und -Paraphrasen und vieles andere mehr. Das muss einem nicht gefallen, aber wenn man dafür ein offenes Ohr hat, ist man bei Liszt im Himmel!
    Er hat auch eine meiner Lieblingsfugen von Bach von der Orgel für das Klavier transkribiert, und zwar Präludium und Fuge in a-Moll, BWV 543. Da empfehle ich die Einspielung von Byron Janis.


    Leslie Howard hat bekanntlich das gesamte Werk für Soloklavier (und Soloklavier mit Orchester) eingespielt und es umfasst 99 CDs, alle randvoll. Die gibt es ab Februar als Box, inklusive der neuen Doppel-CD New Discoveries 3. Hier ist eine Auflistung aller Titel.

    Da ist sicher nicht alles die Referenzaufnahme, aber dafür dass überhaupt alles in guter Qualität eingespielt ist sind wir Leslie Howard zu Dank verpflichtet. Bei Naxos läuft ja auch eine solche Reihe, in der bisher knapp über 30 CDs erschienen sind.


    Ich hoffe, dass hier in diesem Jahr auch noch viele weitere Empfehlungen kommen, auch von Liszts riesigem Nicht-Klavier-Werk, bei dem ich selbst bisher nur an der Oberfläche (die üblichen Verdächtigen wie Sinfonische Dichtungen, Faust-Sinfonie, Psalm XIII) gekratzt habe!

  • Ich gebe nicht auf!
    Bei Youtube ist nun folgende Aufnahme aufgetaucht: Ein kompletter Liszt-Abend von Marc-André Hamelin von 1996 in New York (Merkin Hall). Der Clip ist am Stück und 1:45 lang: http://www.youtube.com/watch?v=LbpcWfbuuJM


    Hamelin spielt hier diese Stücke:
    Liszt - Apparition No. 1 in F sharp minor
    Liszt - Waldesrauchen
    Liszt - Un Sospiro
    Liszt - Hungarian Rhapsody No. 10
    Liszt - Hungarian Rhapsody No. 13
    Liszt - Hungarian Rhapsody No. 2 (mit Hamelins eigener wahnwitziger Kadenz)
    Liszt - Nuage Gris
    Liszt - La Lugubre Gondola II
    Liszt - En Réve
    Liszt - Reminiscences de Norma (Bellini)
    Zugaben:
    Liszt - Transcendental Etude No. 10 in F minor
    Liszt - Etude op. 1 No. 11
    Liszt - Tarantella from Venezia e Napoli
    Liszt - Etude op. 1 No. 12 (Chasse Neige Jr.)



    Ein netter Einstieg ins Liszt-Jahr.

  • denn dieser Liszt und seine einzigartig romantisierte Virtuosenklangteppiche haben eine wirklich hypnotisch anziehende und gleichzeitig auch mal' abschreckende Wirkung auf mich. Bei mir ist's nach langem Hineinhören das unerwartete und die emotionale Achterbahnfahrt, welche man doch mit Franz Liszt Musik einfach anerkennen muss. Ich entdecke langsam aber sicher in seinen Werken viel mehr Nuancen, Andeutungen und Suchendes als in manch' anderen mehr profilierten Tondichtern. Als Klavierverrückter kommt man natürlich an Liszt's einzigartig komplex aufgebautes Klaviatur-Schaffen sowieso nicht ganz vorbei. Seine leider einzige grosse Klavier Sonate ist für mich einer der wirklichen Höhepunkte der Klavierliteratur und kann es - nach meinem Empfinden - mit jeder grossen Sonate von Beethoven, Schubert, Schumann oder auch allen anderen Romantikern aufnehmen. Weiter sind seine grosse thematisierten Kompositionen ein für mich noch zu ergründender Kosmos, welche ich in nächster Zeit noch vieles zu entdecken habe. Leider sind meine Batterien jetzt ein wenig unten (und nicht nur beim Laptop :cursing: ), ansonsten werde ich bei mehr Batterie-Zeit und besserer Vorbereitung gerne noch geistreicheres zum Thema Faszination Liszt beisteuern. Deshalb, für heute nur kurz ....Gute Nacht an alle Liszt-Fans und alle die es, wie ich, es noch werden (können, müssen, sollten etc. etc. etc. ) :jubel: :yes:

    "Die Welt ward ihm Klavier. In Terzen, Quinten, Oktaven sprang sein Denken, Dur und Moll spannte sein Herz."
    Carl Sternheim

  • Auch ich habe meine Liebe zu Liszt wiederentdeckt, die mehrere Jahre sanft geschlummert hat.
    Und zwar mit einer CD mit Sinfonischen Dichtungen für zwei Klaviere.


    Aber der Höhepunkt ist die letzte Nummer auf dieser CD - Ungarische Rhapsody Nr. 2, ebenfalls Klavier zu vier Händen, gespielt von den Brüdern Eduard und Johannes Kutrowatz - soviel Spielfreude hört man nicht alle Tage !


    Liebe Grüße vom
    Operngernhörer

  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • Ich empfinde Liszt ebenfalls als großartigen Komponisten!


    Zu empfehlen sind, neben den zahlreichen Klavierwerken,
    auch seine geistlichen Kompositionen.
    Ganz oben stehen da bei mir "Christus" und "Elisabeth", "Via Crucis", seine beiden Messen, die Graner- und die Ungarische Krönungsmesse.
    Das sind doch großartige Werke!!! :jubel: :jubel: :jubel:
    Dazu noch seine Sinfonischen Dichtungen, die beiden großen Sinfonien Faust und Dante, die Mephisto-Walzer*


    Also ehrlich ich empfinde Liszt als großartigen, absolut zukunftsweisenden Komponisten!


    *übrigens hab ich bezüglich "Mephisto-Walzer" noch nie so was lahmarschiges, langweiliges, und einschläferndes gehört, wie die "Interpretation" von Welser-Möst beim Neujahrskonzert...
    Da würde ich die Abneigung zu Liszt von gewissen Leuten sogar verstehen... :cursing:


    Gruß :hello:

    Komponiert ist schon alles - aber geschrieben noch nicht. (W.A. Mozart)

  • Liebe Taminoianer und Taminoianerinnen,


    früher hat mich bei Liszt vor allem die Harmonik und die Tendenz zum Grandiosen fasziniert, beides exemplarisch in "Les Préludes" (insbes. in der politisch missbrauchten Fanfare) sowie in der Sonate h-moll (im "grandioso"-Thema) zu hören. - Ähnliches ereignet sich am Schluss der drei großen Orgelwerke ("Ad nos"-Fantasie, "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen", "Präludium und Fuge über B-A-C-H"), die ich aber erst später kennen lernte.


    Die Sonate h-moll hat ihre Faszination fürmich behalten, ich schätze mittlerweile auch ihre gewagte Architektur. Die Klavierkonzerte höre ich gerne. Die "Années de Pélérinage" sind ganz große Klaviermusik.


    Faszinierend sind seine späten Ausflüge an die Grenze der Tonalität (z. B. "Bagatelle sans tonalité").


    Wer die innere Logik nach Art eines späten Streichquartettes von Beethoven oder (ganz anders) von Schubert sucht, wird vergebens suchen. Es ist das Spiel mit der Verzauberung des Publikums, das Liszt gerne vorführt. Seine Musik hat oft etwas zirzensisches. Aber es gibt schließlich auch gut gemachten Zirkus, es muss nicht immer "Hamlet" oder "Faust" sein, wenn man sich delektieren will.

  • Lieber Wolfram,


    dem kann ich mich nur anschließen. Auch ich finde Les Préludes grandios, unabhängig von dem von dir bereits erwähnten Missbrauch im "Dritten Reich". Weiter ist es sicher auch seinen eigenen genialen pianistischen Fähigkeiten geschuldet, dass er Stücke komponiert hat, die auch heutige Pianisten zu zirkusreifen pianistischen Leistungen zwingt. Aber das ist es ja, was viele junge Pianisten auch wollen (oder wollen müssen?).
    Ich glaube mich zu erinnern, dass der große Alfred Brendel in seinen jüngeren Jahren auch wesentlich mehr Liszt gespielt hat als in seinen späten Jahren, vielleicht frei nach dem Motto: Wer sich als Pianist etwas beweisen will (oder muss), spielt Liszt, wer das nicht mehr muss, spielt Mozart.
    Meine Liszt-Sammlung jedenfalls wächst noch, ich habe auch Chorwerke und alle seine Orchesterwerke und kann allem etwas abgewinnen.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich habe zwar keine seiner Einspielungen, aber Brendel hat auch in den späteren Jahren viel Liszt gespielt und sich sehr dafür eingesetzt, dessen Klaviermusik eben nicht nur als Virtuosennummern zu sehen. Was bei den Stücken, die Brendel hauptsächlich gespielt hat, ohnehin ziemlich klar ist.


    Ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, mehr von Liszt kennenzulernen. Ich kenne natürlich die Klavierkonzerte, die h-moll-Sonate und noch einige Stücke schon recht lange, aber wirklich begeistert bin ich bisher eher nicht. Selbst die Sonate und die Konzerte finde ich eher "interessant", als dass sie mich emotional ansprechen.


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

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  • Lieber Johannes,


    da würde ich die "Années de pélérinage" empfehlen, die klassische Einspielung ist wohl die mit Lazar Berman (DG). Michael Korstick nimmt gerade den Anlauf für den ganzen Zyklus, die ersten beiden Teile gibt es schon bei cpo. Brendel hat die ersten beiden Teile, Kocsis den dritten eingespielt, gibts zusammen bei Philips Duo.


    Die geistlichen Werke sind nochmal eine andere Welt. Liszt hat in späten Jahren immerhin die niederen Weihen eines Abbé angenommen. Das Oratorium "Die Legende von der Heiligen Elisabeth" war wohl zeitweise sehr populär, bei cpo gibt es eine recht neue Einspielung unter Carl St. Clair. Die Missa solemnis ("Graner Messe") ist mir allemal lieber als die Messe Nr. 3 von Bruckner.

  • Ich bin inzwischen ja schon bekannt dafür, uralte Threads auszugraben. Alfreds Eröffnung sprach mir dermaßen aus dem Herzen, dass ich hier mal wieder posten muss. Ich gebe zu, dass ich mit Liszt (fast) nichts anfangen kann. Eigentlich schätze ich alle großen und bekannten und darüber hinaus zahlreiche weniger bekannte Komponisten und liebe viele ihrer Werke. Liszt ist mir, ob seiner Bekanntheit, schon recht früh in der Kindheit begegnet. Doch über eine gewisse Anfangsbegeisterung ist es nie hinausgekommen. Damit wir uns richtig verstehen: Ich kenne und schätze seine musikgeschichtliche Bedeutung, seine fortschrittliche Harmonik und seine Persönlichkeit. Ich komme nur an sein Werk nicht so richtig heran und halte es in größeren Teilen für nicht sehr bedeutend. Denn für meine Begriffe ist da über die Maßen viel Virtuosentum, Knallerei und auf der anderen Seite Langeweile. Das ist ja fast ein peinliches Bekenntnis, denn das liegt ziemlich sicher an mir und nicht an Liszt, der ansonsten wohl kaum einen so guten Stand bei vielen Klassikfreunden hätte. In einer Rangliste meiner Komponisten (ich weiß dass ich einen Statsitik-Schaden habe ;)) schafft er es nicht in die Top 50 und andere Komponisten zu denen ich nicht den besten Zugang habe (z.B. Prokofiew) würde ich vor ihm einreihen.


    Ich hatte gehofft, dass z.B. die kenntnisreichen Beiträge von Dr. Holger Kaletha und anderen Liszt-Freunden hier im Forum mir die Tür öffnen würden, dies ist aber leider bisher noch nicht geschehen. Ich kann zwar durchaus ohne Liszt leben (frei nach Rachmaninow: Es gibt zu viel Musik für ein Leben), aber ich habe immer noch das Gefühl, dass ich etwas verpasse; etwas nicht richtig verstanden habe. Einstweilen bleibt es aber dabei: Was mich an Liszt fasziniert: Fast nichts!

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Die Threadfrage impliziert ja,dass michLiszt faszinieren würde, was aber nicht der Fall ist. Dass heißt indes nicht, dass er mich unberührt ließe. Es lässt sich zuweilen nicht überhören, dass er die technischen Neuerungen und Tonumfangserweiterungen in der Entwicklung des Klavierbaus weidlich auskostet. Das daraus folgende laute Grummeldonnern in den Bässen und schrille Tirilieren im Diskant hätte es nach meiner bescheiden Meinung nicht wirklich gebraucht. Dennoch gibt es einige Werke, die ich durchaus immer mal wieder höre. Das beginnt bei den "Annes de Pelerinage", geht über die Transkriptionen der Lieder Schuberts weiter (hat den Vorteil, dass man das Ganze ohne Gesang geboten bekommt, bei den Opernparaphrasen hingegen graust's die Maus) und endet bei den "Etudes d'Execution trencendents". Mit der h-moll Sonate beginne ich warm zu werden. Bei den Orchesterwerken habe ich verstanden, dass die nicht unbedingt alle von Liszt orchestriert wurden. Ce qu'on entend sur la montagen" wäre so ein Werk, das ich dennoch gerne höre, ebenso "Mazeppa", die Orchesterfassung der gleichnamigen Etude d'execution usw und die Ungarischen Rhapsodien Nr. 2 und 5, beide sowohl in ihrer ursprünglichen Klavierfassung als auch orchestriert. Mit den Klavierkonzerten kann ich nicht so viel anfangen, aber insgesamt ist die Ausbeute an Werken, die ich auch in meiner Sammlung nicht missen möchte, gar nicht mal so klein. Die Etudes d'execution habe ich Stuttgart vor vielen Jahren mit dem damals noch jungen Tzimon Barto gehört. Kraftvoll war der immer schon. Betrat den Saal, setzt sich an den Flügel und spielt sie alle zwölfe durch. Ohne irgendwelche Ermüdungserscheinungen. Und die wirkten, als wenn das ganz beiläufig geschähe. Das war schon faszinierend.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Hier etwas, wo es nicht knallt, und wo die Zartheit weltentrückt erscheint. Ich mag es besonders sehr:


    http://www.youtube.com/watch?v=5JH_-caeazs


    es ist sein Orpheus mit dem Gewandhausorchester unter Masur, Jörnjacob Timm am Cello und Gerhard Bosse an der Violine.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • Zuerst einmal ist an Franz Liszt doch die Person selbst faszinierend. Der einzige wirkliche Popstar neben den Beatles und das 130 Jahre davor :).


    Dann ist sein stupendes Verständnis des Klavieres, seiner Technik und seines Klanges, ein weiteres Faszinosum ...


    Liszt bedient sich der Tradition ohne in ihr verhaftet zu bleiben. Das ermöglicht ihm, meiner bescheidenen Ansicht nach, in einzelnen Stücken erstaunlich weit in eine mögliche Zukunft zu blicken. Anders als bei Kollegen wie Schönberg scheinen diese Blicke aber eher genialisch und sporadisch und nicht systematisch zu sein.


    Seine romantischen Sammlungen Années und auch die Études weisen für mich keine musikalisch überzeugende Geschlossenheit auf. Trotzdem stößt man immer wieder auf vereinzelt Faszinierendes. Die zweite ungarische Rhapsodie von Cziffra gespielt .... Hmmmmhh, ja!

  • Ob es sich so zugetragen hatte ?


    Liszt steht nach einem Vorspiel vor dem Kaiser Franz Joseph......Seine Frau flüstert dem Kaiser zu : " Sag mal was persönliches zu ihm - nicht immer nur serr scheen, serr scheen" Darauf der Kaiser zu Liszt : " Ah so wie sie, ah so wie sie - hat noch kaner gschwitzt"

  • astewes "Vereinzelt faszinierend" kann ich sogar noch unterschreiben. Mehr entdecke ich aber einfach nicht.

    Und dass die Persönlichkeit nicht zur Diskussion steht habe ich ja geschrieben, die ist faszinierend!

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Liszt fasziniert nicht zufällig in erster Linie die Pianisten - neben Chopin ist er wohl der "pianistischste" Komponist schlechthin. Er schreibt einen Klaviersatz, der wirklich alle Möglichkeiten des Klaviers auskostet bis hin zu den Extremen, der das Unmögliche möglich machen will. Selbst das Mechanistsche der Klaivervirtuosität, was eigentlich nicht klingen kann, bringt er zum Klingen. Im Unterschied zu etlichen anderen Virtuosen-Komponisten aus dem 19. Jhd. schafft er es, das Technische vollkommen zu poetisieren. Das setzt allerdings voraus, dass der Spieler es auch kann. ;) Von Claudio Arrau stammt die humorige Anekdote einer Konzertbesucherin, dass sich die Lisztschen Triller in den "Wasserspielen" wie Telefongeklingel anhören. Das können sie. Ein Lisztscher-Triller kann trivial oder eben magisch klingen, je nach dem Vermögen oder Unvermögen des Pianisten. Auch hier gibt es wieder nur die Extreme, das Eine oder das Andere. Liszt verkörpert geradezu exemplaisch das, was Friedrich Schiller das Idealisch-Sentimentalische nennt mit seiner Neigung zur Überspanntheit, dem Schwanken zwischen den extremen Gegensätzen. Liszt ist radikal subjektiv und hat wohl wie kein anderer Komponist alle Tiefen - und Untiefen - der menschlichen Seele ausgelotet. Liszt kann hochromantisch, verführerisch-rauschhaft sein wie ein Clemens Brentano bei den Dichtern - ohne jegliche Angst, glitzernde Blendwerke der Wirkungsrhetorik zu errichten im Dienste der Poesie. Und er kann im Gegenteil so abstrakt und spröde sein wie kein anderer - insbesondere der ganz späte Liszt. Da wiird ein "Dur" skelettiert gleichsam zum Nur-noch-Dur, ein Lichtschimmer über einem rabenschwarzen Abgrund. Musiksprache an der Grenze zum Verstummen. Kein anderer Komponist hat es gewagt, so expressionistisch offen das Destruktive, Mephistofelische, den "Geist, der alles verneint" - tief nagende Skepsis, Nihilismus, Weltverachtung etc. auszusprechen. Liszt verweigert sich dem ästhetischen Zwang zur Vollendung und Versöhnung. Die Musik wird zum Ausdruck totaler Ratlosigkeit, des absolut trostlosen Nicht-mehr-weiter-wissens, ohne den "Trost der schönen Formen" (Jean-Francois Lyotard). Dies schlägt dann wiederum um in eine tiefe mystische Religiosität. Liszt ist der Schöpfer des religiösen Klavierstücks, der kontemplativen Versenkung in ein Zeitenthobenes, Absolutes. Liszt selbst hat es ausgedrückt: Kunst ist für ihn ein Schweben zwischen dem absoluten Nichts und der Ewigkeit. So erschütternd und schonungslos gegen sich selbst radikal ist kein anderer Komponist.


    Zudem gehört Liszt zu den gebildetsten Komponisten aller Zeiten. Er war der Einzige, mit dem Richard Wagner auf Augenhöhe philosophische Gespräche führen konnte. Er ist nicht nur der Schöpfer der Gattung "Symphonische Dichtung", sondern schuf auch die ästhetische Theorie dazu. Seine "Annees de Pelerinage" verkörpern wie kein anderes Klavierwerk die romantische Idee der Einheit aller Künste - Musik, Literatur, bildende Kunst. Im Notentext des ersten Bandes finden sich ganze Textauszüge von Senancour und viele Zitate, die eigentlich bei einem Vortrag mit gelesen werden müssen - sonst versteht man den Zusammenhang dieser Komposition nicht. Aber wohl nur Lazar Berman hat dies so in Russland aufgeführt. (Darüber habe ich mich mal mit Ragna Schirmer in einer Konzertpause unterhalten, die sich auch darum bemüht, diese Dimension zum Ausdruck zu bringen.) Nicht alle Liszt-Kompositionen sind freilich auf diesem höchsten Niveau - insbesondere aus seiner Virtuosen-Zeit vor 1848, wo er nicht die Zeit zum Auskomponieren seiner Ideen hatte und viel Ephemerisches, Improvisatorisches dabei ist. Dies entsprach aber einfach der Konzertpraxis damals. Komponisten des 18. Jhd. haben auch jede Menge Gebrauchs- und Unterhaltungsmusik geschaffen. Warum soll man Liszt etwas übel nehmen, was man diesen Komponisten großzügig verzeiht? Auf die Scheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen kommt es an. :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Liszt fasziniert nicht zufällig in erster Linie die Pianisten - neben Chopin ist er wohl der "pianistischste" Komponist schlechthin. Er schreibt einen Klaviersatz, der wirklich alle Möglichkeiten des Klaviers auskostet bis hin zu den Extremen, der das Unmögliche möglich machen will.

    Mist, jetzt muss ich zugeben, dass Liszt mir in aller Regel zu schwer ist :P



    Von Claudio Arrau stammt die humorige Anekdote einer Konzertbesucherin, dass sich die Lisztschen Triller in den "Wasserspielen" wie Telefongeklingel anhören. Das können sie. Ein Lisztscher-Triller kann trivial oder eben magisch klingen, je nach dem Vermögen oder Unvermögen des Pianisten. Auch hier gibt es wieder nur die Extreme, das Eine oder das Andere. Liszt verkörpert geradezu exemplaisch das, was Friedrich Schiller das Idealisch-Sentimentalische nennt mit seiner Neigung zur Überspanntheit, dem Schwanken zwischen den extremen Gegensätzen. Liszt ist radikal subjektiv und hat wohl wie kein anderer Komponist alle Tiefen - und Untiefen - der menschlichen Seele ausgelotet.

    Das drückt im Grunde etwas von der in meinen Augen Überhöhung Liszts aus, die ich nicht nachvollziehen kann. Wo hätte denn Beethoven, Schubert, Tschaikovsky oder Andere nicht alle Tiefen und Untiefen der menschlichen Seele erlebt und hörbar gemacht. Es leuchtet mir nicht ein, dies nur Liszt zuzuschreiben.

    Dass ein gewöhnlicher Triller magisch wird, das liegt ja am Kontext. Der technisch beste Triller der Welt bleibt ein Telefonklingeln. Ich erlebe diesen magischen Triller zum Beispiel im langsam Satz von Mozarts 5. Violinkonzert. Das ist ein absoluter Gänsehaut-Moment! Liszt hat mir einen solchen Raum bisher noch nicht eröffnet.


    Zudem gehört Liszt zu den gebildetsten Komponisten aller Zeiten. Er war der Einzige, mit dem Richard Wagner auf Augenhöhe philosophische Gespräche führen konnte. Er ist nicht nur der Schöpfer der Gattung "Symphonische Dichtung", sondern schuf auch die ästhetische Theorie dazu. Seine "Annees de Pelerinage" verkörpern wie kein anderes Klavierwerk die romantische Idee der Einheit aller Künste - Musik, Literatur, bildende Kunst.

    Absolut d'accord! Und gleichzeitig wieder mein Problem: So stimmig die Theorie, so wenig setzt er sie meiner Meinung nach um. Die Sinfonischen Dichtungen können es IMO nicht mit denen anderer Komponisten aufnehmen. Und das Gesamtkunstwerk bzw. die Umsetzung philosophischer und religiöser Motive setzt Wagner tausend Mal bezwingender, fesselnder und umfassender in Töne. Die ästhetische Theorie - die sich freilich wie jede Theorie am Denken vorheriger Größen schult - bleibt ihm ungenommen. Aber Liszt scheitert für mich kompositorisch am eigenen Ideal. Müßig zu betonen: Eine subjektive Aussage.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

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