Wolfgang Sawallisch - Besitzer des "Goldenen Taktstocks Toscaninis" aber unbekannt bei Tamino???

  • Hallo lieber Forianer!


    Der 1923 in München geborene Dirigent Wolfgang Sawallisch spielt in meiner Sammlung eine ziemlich wichtige Rolle. Er ist sicherlich nicht in großen Mengen vorhanden, aber die Aufnahmen, die ich von ihm besitze, finde ich fantastisch! (Die werden sicher im Verlauf des Threads angesprochen.)



    Bei mir also besonders bei Interpretationen von Werken Dvoráks sehr geschätzt, merke ich eigentlich kaum bis gar keine Resonanz aus dem Forum über ihn.
    Bei den Lieblingsdirigenten wird er genau einmal genannt (Nein, nicht von mir. Ich habe noch nicht abgestimmt.). Was natürlich toll ist, ist, dass er auch von niemandem als unbeliebt oder ignoriert deklariert wird ;) )
    Aber auch so liest man nicht sonderlich viel über ihn bei uns (kommt mir jedenfalls so vor).


    Dabei war er doch gar nicht mal so unerfolgreich:
    1953 wurde er jüngster GMD in Aachen und er dirigierte als jüngster Dirigent, der jemals eingeladen wurde, die Berliner Philharmoniker. War dann noch in Wiesbaden und Köln GMD und wurde 1960 (bis 1970) Chefdirigent der Wiener Symphoniker. Nahezu zeitgleich war er auch GMD der Hamburger Philharmoniker.
    1970 (bis 1980) löste er Paul Kletzki als GMD beim Orchetsre de la Suisse Romande in Genf ab und von 1971 (bis 1990) war er zudem GMD der Bayrischen Staatsoper. Ab 1993 leitete er dann das Philadelphia Orchestra.
    Auch bei den bedeutenden Festspielen fehlte er nicht (Bayreuth, Salzburg).
    Schon von Kindheit an war er auch am Klavier tätig und trat dann später besonders als Liedbegleiter hervor (z.Bsp. Dietrich Fischer-Dieskau).


    Genug zu seiner Laufbahn. Kommen wir zu seinen Auszeichnungen.



    Auszeichnungen


    Ehrenmitgliedschaften:
    Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
    Wiener Symphoniker
    Bayrische Staatsoper
    NHK-Orchester Tokio (hier sogar der Einzige!)


    Sonstiges:
    Er ist der einzige Nichtitaliener, der den "Goldenen Taktstock Toscaninis" besitzt, welcher ihm von der Mailänder Scala für die 35jährige Verbundenheit verliehen worden ist.


    Zudem genießt er höchstes Ansehen für seine Tätigkeiten als Pianist im Bereich der Kammermusik und als Liedbegleiter.



    Ich habe eine Menge Dirigentenstationen aus den Jahren 1993 bis 2003 nicht genannt...es wären einfach zu viele.
    Aber auch mit diesen Orchestern musizierte er regelmäßig.



    Also!
    Was haltet ihr wirklich von ihm? Habt ihr ihn vielleicht 'einfach nur' vergessen?


    Dann hoffe ich auf tolle Anregungen und empfehlenswerte Aufnahmen!



    Gruß, Maik

  • Hi,


    Wolfgang Sawallisch ist mir in erster Linie als Operndirigent ein Begriff. Hier hat er Unvergängliches geschaffen.


    An erster Stelle dürften noch immer seine Orff-Einspielungen von Die Kluge und Der Mond sein. Würde man eine Kategorie "Perfekte Opernaufnahmen" einführen, wären die beiden ernsthafte Anwärter für diesen erlauchten Kreis.


    Ein weiterer Schwerpunkt ist Richard Wagner. Er hat alle frühen Opern aufgeführt (auch auf Platte erhältlich), weiters glänzen ein Spitzen-Tannhäuser aus Bayreuth und eine sehr gute Meistersinger-Einspielung. Auch als Ring-Dirigent hat er sich verewigt (kenne ich aber nicht).


    Das dritte Standbein ist schließlich (und vor allem) Richard Strauss. Er hat sich für selten gespielte Werke eingesetzt - Feuersnot, Friedenstag - und mit dem Capriccio mit E. Schwarzkopf eine Aufnahme für die Ewigkeit abgeliefert.


    Mit anderen Komponisten kenne ich ihn nur sporadisch, auch als Symphoniker habe ich mich nicht eingehend mit ihm beschäftigt, obwohl ich im Laufe der Zeit einiges gehört habe. Ich hatte seinerzeit den Eindruck, dass er als eine Art Nachfolger von Karl Böhm fungierte. Beides Musiker, die dem äüßerlichen Effekt abhold sind und mehr Wert auf gediegenes Musizieren legen. Auch vom Repertoire ähneln sie einander.

  • Hallo!


    Nein, Wolfgang Sawallisch ist mir nicht unbekannt!
    Ich habe ihn sogar mal live erlebt, mit Brahms' dritter Symphonie und dem Violinkonzert.
    Allerdings kenne ich wenige Aufnahmen von ihm, das mag damit zusammenhängen, daß ich mich für Opern nicht sehr interessiere.
    Kürzlich habe ich allerdings diese Doppel-CD wieder mal gehört:

    Dann habe ich noch eine LP mit Schuberts "Tragischer" und "Unvollendeter" mit ihm; das wärs dann, glaube ich.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Noch eine Ergänzung zu Wolfgang Sawallisch. Er ist der einzige Dirigent, von dem ich weiß, dass er alle Wagner-Opern dirigiert hat (und bis auf Parsifal gibt es auch von allen Einspielungen oder Mitschnitte).
    Damit wäre er ein Anwärter für einen Eintrag ins Buch der Rekorde. ;)

  • Hallo allerseits,


    ich möchte euch nun auch meine beiden Lieblinge von W.Sawallisch nennen (damit spreche ich nur von Werken, nicht allgemein von der CD):



    Es geht mir bei dieser CD um die 8.Symphonie, die IMO eine wunderbare Interpretation ist!
    Ich schätze diese Aufnahme sehr. Sie hat mir das Werk nahe gebracht und ich habe es dadurch lieben gelernt!


    (Die 9.Symphonie ist prinzipiell auch nicht schlecht, jedoch reicht sich IMO nicht an die Interpretation der 8. heran. Wie gesagt, sie ist nicht schlecht, aber durch die extreme Konkurrenz der Achten steht sie hier eher im Schatten.)




    Bei dieser CD geht es mir um die 7.Symphonie. (Zum Cellokonzert verweise ich auf diesen Thread. Hier habe ich schon einiges zu meinen Aufnahmen des CK Nr.2 gesagt.)
    Ich habe diese Symphonie mit dieser Aufnahme kennen gelernt. Bisher ist es auch meine einzige Aufnahme der Symphonie, aber diese Interpretation finde ich so gelungen, dass mir das Werk auf eine Weise nahe gegangen ist, dass ich diese Symphonie an sich, der Neunten teilweise sogar vorziehen würde!



    Es werden sicherlich noch ein paar weitere Einspielungen von Sawallisch folgen. Ich bin ja noch jung...



    Gruß, Maik

  • Hallo allerseits,


    ich habe zwar schon alle Beethoven-Sinfonien in jeweils verschiedenen Interpretationen, aber einen kompletten Zyklus würde ich mir u.U. noch zulegen wollen. Kennt jemand die Brillant-Box mit dem Concertgebouw Orchestra unter Sawallisch, ist die empfehlenswert? Ich meine, dass sie schon irgendwo erwähnt wurde, weiß aber den Zusammenhang nicht mehr.



    Gruß, Cosima


    Nachtrag: Ich sah eben, dass Norbert Uwe bereits gestern im „gerade-gehört“-Thread nach einer Einschätzung fragte. Deshalb kam mir das alles so geläufig vor… Es wäre schön, wenn Uwe (oder wer auch immer sich berufen fühlt :) ) hier im Sawallisch-Thread ein paar Zeilen dazu schreiben würde oder halt im Beethoven-Sinfonien-Thread, damit man es besser wieder finden kann.

  • Hallo Cosima, Hallo Norbert,


    geht los, wenn ich mehr gehört habe und die Eindrücke klarer sind.
    Bisher habe ich nur die 2. und 8. gehört und war überrascht: Sawallisch gelingen teilweise sehr schöne Momente. Hatte ich eigentlich gar nicht so erwartet (wollte eigentlich nur meine Vorurteile bestätigt sehen).



    Mehr dann bei im entsprechenden Beethoven-Thread.

    Gruß
    Uwe

  • Hallo,


    es gibt eine Reihe von Sawallisch-Aufnahmen, die richtig gut sind:


    - die Schumann-Sinfonien mit der Staatskapelle Dresden (EMI bzw. Eterna)
    - seine Elias-Einspielung (Philips)
    - die Schubert-Messen (Eterna - vermutlich auch EMI?)


    Keine Ahnung, warum er nicht sooo weltberümt ist. Vielleicht ein Image- und Marketing-Problem.


    Freundliche Grüße


    Heinz

  • Ich denke, Sawallisch hat das gleiche Problem, das z.B. Christoph von Dohnanyi oder Herbert Blomstedt ebenfalls haben: Es sind im guten Sinne grundsolide Dirigenten, die nicht als Spezialisten gelten, stets sehr gute, aber sehr selten sepektakuläre Ergebnisse abliefern.


    Bernard Haitink und Colin Davis würden grundsätzlich auch in diese "Gattung" gehören, aber beide haben das "Glück", daß sie als "Spezialisten" wahr genommen werden. Bei Haitink sind's Mahler und Bruckner, bei Davis die Franzosen, ibs. Berlioz.


    In sofern würde ich Heinz zustimmen: Es ist wohl ein Imageproblem.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • In Konzerten leibhaftig einige Male gehört, als Operndirigent kenne ich ihn leider nur von Platte/CD, als Liedbegleiter ebenso.


    Freunde progressiver Interpretationen muß ich warnen, es klingt bei ihm alles so stinknormal. Er entdeckt die Komponisten nicht neu, um dem kunstsinnigen Feuilleton zu gefallen.
    Welche Aufnahmen besitze ich und empfehle sie:
    Natürlich Richard Wagner:
    Hier vor allem "Der fliegende Holländer"
    Tannhäuser, Lohengrin (alle drei aus Bayreuth) und "Die Meistersinger von Nürnberg"


    Als Liedbegleiter zur "Winterreise" mit Hermann Prey und Thomas Hampson-Herberstein


    Bela Bartok: Herzog Blaubarts Burg
    Paul Hindemith: Requiem denen, die wir lieben

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • (Auch?) Mir ist Sawallisch bisher eher als Operndirigent aufgefallen denn als Mann für das sinfonische Repertoire - mag aber gut sein, dass ich mich da irre.


    Insbesondere Wagner, so muss man sagen, ist bei ihm sehr gut aufgehoben, sei es in der (natürlich nicht ganz optimalen, aber welche Aufnahme dieses Stückes ist das schon??) Studio-Produktion der "Meistersinger"



    Die Aufnahme wartet mit einer mit Ausnahme von Wolfgang Brendel als Sachs wahrhaft exzellenten Sängerriege auf, aus der Ben Heppner als Stolzing und Siegfried Lorenz als Beckmesser (vorgesehen war Dietrich Fischer-Dieskau, der sich vor der Aufnahme von der Bühne zurückzog) herausstechen. Dem Dirigat, das im positiven Sinne "kapellmeisterlich" ist, fehlt vielleicht das letzte Verständnis für den Witz der Partitur, aber es ist ansonsten tadellos.


    Dann, weithin nicht sonderlich beachtet, obwohl preiswert, seine "Ring"-Aufnahme, diesmal live, ebenfalls Bayerische Staatsoper München:



    Wer einen transparenten, eher flotten Wagner ohne die Extreme eines Boulez sucht, der wird hier fündig werden. Die Live-Atmosphäre ist gut eingefangen, führt natürlich andererseits zu dem ein oder anderen orchestralen Schnitzer. Es ist derzeit wohl eine der preiswertesten Ring-Aufnahmen am Markt (freilich ohne Textbuch, aber das kann man sich recht problemlos selbst aus dem Netz ziehen) - verdient sicherlich mehr Beachtung!


    Beste Grüsse,


    C.

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Hallo Claus,


    nur eine kleine Korrektur zur "Meistersinger"-Aufnahme: den Sachs dort singt Bernd Weikl. Wolfgang Brendel gibt den Schuster in der auf DVD erhältlichen (im übrigen sehr guten) Inszenierung von Götz Friedrich an der DOB.


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Richtig, Giselher, da hat mich mein Gedächtnis verlassen!


    Danke für die Korrektur. Ich meinte Weikl....


    Beste Grüsse,


    C.

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • hallo, ich liebe den sawallisch der 60er-jahre. hier war er außerordentlich frisch und ging vehement zu werke (später wurden mir die meisten aufnahmen etwas zu 'kappellmeisterlich' im neg.sinne.


    mustergültig aber seine interpretation der weber-ouvertüren und orch.werke. grandios. nie mehr so gut gehört.


    auch der
    elias von mendelssohn
    sowie die
    symphonien von bruch
    sind mustergültig (wenn auch schon etwas später)

  • Hallo


    Auch ich unterschätze Sawallischs Kunst, mitlerweile steigt er auf zu einem meiner Lieblingsdirigenten. Die von Claus schon genannte Meistersinger-Aufnahme schätze ich sehr (aber in Kombination mit anderen Meistersingeraufnahmen). Ansonsten habe ich noch nicht viele Sawallisch-Aufnahmen. Strauss´"Capriccio" habe ich leider noch nicht vollständig gehört :rolleyes:


    Ich war erst skeptisch, ob ich die Schwanensee-Aufnahme kaufen solle (Philadelphia Orchestra, 1994), und beim ersten hören hat sie mir auch nicht besonders gefallen. Nach abermaligem hören will ich sie aber jetzt jedermann empfehlen! Akustisch sehr gut geraten, Durchhörbarkeit und Orchesterklang lassen keine Wünsche offen.
    Es mag beschwingtere, rauschhaftere Einspielungen geben, aber Sawallisch ist bestimmt der ideale "Mittelweg" (zwischen anderen Einspielungen, die ich nicht kenne :D) Und doch: auch Sawallisch bringt einen an mancher Stelle ins kaffeehausmässige swingen. Die dramatischen Stellen kommen dafür geradezu erschütternd!


    :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:



    :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:


    Auf dem Wunschzettel stehen Maiks Dvorak-Aufnahmen und die Schumann- und Schubertsinfonien aus Dresden (EMI) - die Unvollendete ist hervorragend! Desweiteren Schumanns Requiem (RCA) etc.

  • Ich habe im Münchner Nationaltheater vor mehreren Jahren eine Zauberflötenaufführung mit Wolfgang Sawallisch am Dirigentenpult erlebt.Da habe ich gespürt,welche Größe dieser Musiker hat.Das war Mozart vom Feinsten.Ich erinnere mich noch gut an die wunderbare Lucia Popp als Pamina und einen gut disponierten Peter Schreier als Tamino sowie den alles überstrahlenden Sarastro von Kurt Moll.Das Bayr.Staatsorchester atmete Mozarts Genie von den Noten ein und bescherte den Besuchern einen wunderbaren Musikgenuß.

  • Als Hörer von Ö1 kommt man nicht umhin, immer wieder von Sawallisch Aufnahmen zu hören und diese auch zu hören. Mir ist er daher dem Namen nach bekannt. Im Musikverein konnte ich ihn live sehen und hören. Da er als zweiter wichtiger Dirigent für den Elias neben Herreweghe genannt wurde, habe ich mir diese Aufnahme besorgt. Mir persönlich bevorzuge die Aufnahme von Herreweghe, weil diese mir dynamischer, mit mehr Druck gespielt scheint. Festmachen möchte ich es mit der Stelle, wo Elias die Baalspriester nach dem ersten Ruf verhöhnt. Die Bechbläser sind bei Herreweghe sehr gut zu hören, vermitteln den Eindruck von Angst. Bei Sawallisch sind die Blechbläser im Vergleich zu Herreweghe etwas zurückgenommen.
    Da ich auf Tempo- und Lautstärkeunterschiede in Musikstücken stark reagiere, bin ich bei Herreweghe besser aufgehoben.

    Sagt nicht:"Ich habe die Wahrheit gefunden", sondern:"Ich habe eine Wahrheit gefunden." (Khalil Gibran; Der Prophet, dtv, 2002)

  • Ich habe von Sawallisch eine hervorragende 8. Dvorák mit dem Kölner RSO von 1962,und ebenso die 6. Bruckner mit dem Bayer. Staatsorchester von 1981.
    Im Konzert hörte ich ihn mit Beethovens 5. Klavierkonzert (Pollini total daneben) und der 4. Schumann (laaangweilig).


    :hello:Heldenbariton

  • Zitat

    Original von Siegfried
    Ich habe im Münchner Nationaltheater vor mehreren Jahren eine Zauberflötenaufführung mit Wolfgang Sawallisch am Dirigentenpult erlebt.Da habe ich gespürt,welche Größe dieser Musiker hat.Das war Mozart vom Feinsten.Ich erinnere mich noch gut an die wunderbare Lucia Popp als Pamina und einen gut disponierten Peter Schreier als Tamino sowie den alles überstrahlenden Sarastro von Kurt Moll.Das Bayr.Staatsorchester atmete Mozarts Genie von den Noten ein und bescherte den Besuchern einen wunderbaren Musikgenuß.


    Lieber Siegfried!


    Diese Zauberflöte gibt es, nur ist Fancisco Araiza der Tamino, unter Wolfgang Sawallisch, auf DVD:



    Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :hello: :hello:

  • Zitat

    Original von mucaxel
    WOLFGANG SAWALLISCH
    wird heute 85 Jahre alt.
    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH.


    :hello:



    Diesen Glückwünschen schließe ich mich gerne an - ein schöner Zufall, dass ich gerade erst diese Aufnahme drehte:


    Umberto Giordano (1867-1948 )
    Andre Chenier (in dt. Sprache)


    Hopf, Schech, Metternich, Löw-Szöky, Bayr. RSO, Sawallisch
    Label: Walhall, 1954





    LG, Elisabeth

  • Ich habe Wolfgang Sawallisch 55 Mal am Pult der Münchner Oper erlebt, ihn ein gutes Dutzend Mal als Konzertdirigent und nicht minder häufig als Liedbegleiter in bester Erinnerung. Diese Häufigkeit würde mich vermutlich zum Sawallisch-"Fan" stempeln, der seinem "Idol" hinterherreist und erwartungsvoll am Bühneneingang dem Verehrten entgegenfiebert. Mitnichten. Für solche Bewunderungsekstasen besitze ich keinerlei Talent, abgesehen davon, daß die Spezies des Fans mir immer suspekt geblieben ist. Meine musikalischen Begegnungen mit diesem Künstler ergaben sich zwangsläufig aus der Tatsache, daß er 22 Jahre Chef der Münchner Oper war.
    Ich kenne keinen Dirigenten von internationalem Rang, der heutzutage bereit ist, sich an ein Haus derart lange zu binden. Ca. 40 Vorstellungen pro Spielzeit dirigierte er, vornehmlich das deutsche Repertoire (inklusive Hindemith und Henze, aber auch den Schweizer Sutermeister und den Österreicher v. Einem), zudem Raritäten wie Rossinis "Moses" oder Nicolai und Peter Cornelius - nicht gerechnet die Verwaltungsverpflichtungen als Staatsoperndirektor und zeitweiliger Intendant. Was ihn nicht hinderte, an der Mailänder Scala zu dirigieren, seinen internationalen Konzertverpflichtungen nachzukommen (inklusive jährlich regelmäßiger Auftritte beim NHK in Japan, für das er seit den frühen 60er Jahren gleichsam zum Orchestererzieher wurde), als Liedbegleiter der internationalen Sängerelite (und des Nachwuchses) aufzutreten und als Kammermusikpartner seinen Teil beizutragen - von den damals noch häufigen Plattenaufnahmen ganz abgesehen. Im übrigen schrieb er, als sei er nicht ausgelastet, zwei Erinnerungsbücher. Offensichtlich war dieses Künstlerleben generalstabsmäßig durchorganisiert. Im übrigen zählte Sawallisch in München nicht zu den Chefs, die keine anderen "Götter" neben sich duldete. Die Phalanx der dirigierenden Berühmtheiten, die hier neben ihm auftraten, war beachtlich - allen voran Carlos Kleiber und Karl Böhm.


    Sawallisch war in München eine Institution. Dass sich ein Künstler seines Ranges jahraus, jahrein dem Alltagsbetrieb eines Opernhauses aussetzte, war für das Publikum eine Selbstverständlichkeit. Daß er das Opern-Gesamtwerk (!) der Münchner Hausgötter Wagner und Strauss in Zyklen auf die Bühnenbretter hievte, war eine künstlerische und organisatorische Kraftanstrengung ohnegleichen und in der gesamten Opernwelt singulär. Natürlich sparten die Münchner nicht mit Beifall. Immerhin ein aufregendes Wagnis. Für mehr Aufregung und Amüsement besonderer Art schien indessen für manchen gegen Ende seiner Amtszeit ein Eklat zu sorgen, als nach einer grundlegenden Renovierung der Bühnentechnik die niegelnagelneue computergesteuerte Anlage ihren Dienst verweigerte und das Haus technisch weitgehend lahmlegte. Nicht zuletzt in der Presse zerriß man sich die Mäuler. Denn nun überlagerten alle künstlerischen Verdienste plötzlich öffentliche Kritik an der Opernleitung, als sei Sawallisch persönlich an dem Schlamassel verantwortlich. Seltsam genug. Zudem vermehrten sich in der Presse die künstlerischen Angriffe, die Sawallischs Konservatismus beklagten. Zu wenig Moderne im Spielplan. Ganz zu schweigen von dem Mangel an revolutionären Regisseuren, die anderwärts das Publikum so hübsch toben ließen. Die künstlerische Handschrift von Leuten wie Rennert, O. F. Schuh oder Ponnelle, einstigen Wegbegleitern des Dirigenten, war angeblich nur noch für Archivare interessant. Sawallisch und seine Heimatstadt begannen sich auseinander zu leben, was angesichts der langen Ära im Prinzip nicht ganz unverständlich war, angesichts der äußeren Anlässe aber von wenig Respekt gegenüber der Münchner Lebensleistung zeugte. Sawallisch nahm übel, ohne sich öffentlich zu äußern. Nachdem er am 31.12.1992 mit einem Opernkonzert im Nationaltheater von "seinen" Münchnern Abschied genommen hatte (am selben Abend beendete auch Dietrich Fischer-Dieskau mit der Schlußfuge von Verdis
    "Falstaff" seine Opernlaufbahn, ohne daß dies dem Publikum annonciert worden wäre), trat Sawallisch in München nur noch selten auf - und das gewiß nicht nur, weil ihm die Leitung des Philadelphia Orchestra übertragen worden war. Mit dem Ende der Opernära Sawallisch in München beendte der Dirigent seine Opernlaufbahn. Nachdem er im Frühjahr 1993 für EMI die "Meistersinger" auf CD eingespielt hatte, dirigierte er keine Opern mehr.


    Was Wolfgang Sawallisch als Musiker ausmacht? Absolute Souveränität und Kompetenz ohne persönliche Aufdringlichkeit oder gar Schaustellung - das war der cantus firmus eines Künstlertums, das sich nach Sawallischs eigenen Aussage in bester Tradition des deutschen Kapellmeistertums begriff. Glamour läßt sich mit dieser Grundhaltung natürlich nicht gewinnen, abgesehen davon, daß heute dieser Begriff, der einschließt, von der Pike auf zu dienen, auf viele Jüngere seltsamerweise verstaubt wirkt. Recht verstanden bildet er eine exzellente Grundlage für einen Beruf, der, weil er so schwer zu fixieren ist, auch zur Scharlatanerie verführen kann.


    In den letzten Jahren ist es um Sawallisch still geworden. Um 2001 dürfte er seine letzten öffentliche Auftritte gehabt haben. Das Alter fordert seinen Tribut, so daß eine künstlerisch erfüllte Vergangenheit nun die lebendige Gegenwart überlagert. Zusammen mit dem 90jährigen Kurt Sanderling steht jetzt der 85jährige Wolfgang Sawallisch an der Spitze der Alterspyramide der deutschen Dirigenten.


    Dem Jubilar herzliche Glückwünsche, eingebunden in erträgliche Gesundheit,


    von Florian
    (der sich an großen Lebensleistungen erfreut, die des "Fans"
    nicht bedürfen).

  • Es hat in meinem Leben DREI Dirigenten gegeben, bzw gibt sie auf CD immer noch, welche ich offenbar mehr schätze als dies im öffentlichen Bewusstsein der Fall ist.
    Diese drei sind: Karl Böhm, Eugen Jochum und Wolfgang Sawallisch.
    Keiner der drei war wirklich "unbekannt, alle waren sie recht erfolgreich bis ansatzweise sogar "berühmt - wobei Böhm sicher zu Lebzeiten eine sehr treue - aber, soweit ich weiß - niemals fanatische Anhängerschaft - sein eigen nennen konnte.
    Sawallisch galt stets als zuverlässiger ausgewogener Musiker - aber "herausragende" Interpretationen wurden ihm niemals nachgesagt.
    Das lag mit Sicherheit nicht an der Qualität, sondern, daß diesem Künstler Extreme einerseits, persönliche Eitelkeit andrerseits fremd zu sein scheinen.
    Ich habe mir neulich die Gesamtaufnahme seiner Beethoven Sinfonien mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam zugelegt.
    Welch Unterschied zu Harnoncourt !!
    Sawallisch ist sich dessen bewusst, daß es sich hier immer um MUSIK handelt - und er vermittelt dies offensichtlich seinem Orchester. Füllig, aber niemals dick sondern gut durchhörbar, großorchestral aber nicht lärmend um jeden Preis, mit wunderbar dosierter Dynamik und ausgekosteten Klangfarben - so würde ich diese Aufnahme umschreiben, die offenbar durch unzureichende PR dazu verurteilt war im Billigpreissegment bei Brillant zu landen - ein Schicksal, daß sie übrigens mit immer mehr vorzüglichen Aufnahmen aller Herren Label teilt.


    Hineinhören kann man hier:




    Auch ich wünsche dem Jubilar,
    er ist immerhin 19 Jahre jünger als Johannes Heesters :baeh01:
    er möge noch etliche Jahre bei guter Gesundheit
    unter uns weilen


    Alfred


  • Wolfgang Sawallisch (26.08.1923—22.02.2013)
    Kapellmeister des Stadttheaters Augsburg 1947—1953
    Generalmusikdirektor des Theaters Aachen 1953—1958
    Generalmusikdirektor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden 1958—1960
    Generalmusikdirektor der Oper Köln 1960—1964
    Professor 1961
    Chefdirigent der Wiener Symphoniker 1960—1970
    Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper 1961—1973
    Chefdirigent des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg 1961—1973 (Ehrendirigent seit 2004)
    Ehrendirigent des NHK Symphony Orchestra seit 1967
    Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper 1971—1992
    Musikdirektor des Orchestre de la Suisse Romande 1972—1980
    Staatsoperndirektor der Bayerischen Staatsoper 1982—1993
    Musikdirektor des Philadelphia Orchestra 1993—2003 (Ehrendirigent seit 2003)


    München - Der Dirigent und Pianist Wolfgang Sawallisch ist tot. Er starb bereits vorgestern im Alter von 89 Jahren in seinem Haus im oberbayerischen Grassau, wie das Bestattungsinstitut mitteilte. Sawallisch hatte 20 Jahre lang in München an der Bayerischen Staatsoper dirigiert. Er wirkte unter anderem am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden und am Philharmonischen Staatsorchester in Hamburg, leitete die Wiener Symphoniker und wechselte für einige Zeit zum Philadelphia Orchestra in den USA. 2006 trat er aus gesundheitlichen Gründen vom Dirigentenberuf zurück. Er galt als Gegner des modernen Regietheaters.


    dpa, 24.02.2013


    R. I. P.

  • Unbekannt war Wolfgang Sawallisch wahrlich nicht. Er war einer der letzten Vertreter der sogenannten Kapellmeister-Tradition. Die erste CD von ihm, die ich vor vielen jahren anschaffte, war diese hier mit einer Lieblingsmesse, die ich von Kindheit an hatte, der "Deutschen Messe" von Schubert, aus der wir an Gründonnerstag wieder einige Teile aufführen:

    Wenn wir diese Teile, das "Ehre sei Gott" und das "Heilig, heilig" singen, werde ich an Wolfgang Sawallisch denken.


    R.I.P.


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Der gebürtige Münchner Wolfgang Sawallisch war einer der letzten großen deutschen Dirigenten. Er repräsentierte die "goldenen Jahre" Münchens, in denen viele großartige Dirigentenpersönlichkeiten in der bayerischen Landeshauptstadt wirkten (Kubelik, Celibidache, Davis). Zudem war er einer der letzten Dirigenten, die es wagten, den Mund aufzumachen bei ihnen unangenehmen Inszenierungen. Das verdient besondere Anerkennung und Respekt. Nach seinem Rückzug aus München 1993 begann der Niedergang der Bayerischen Staatsoper durch den Amtsantritt von Sir Peter Jonas, der dem Verunstaltungstheater Tür und Tor öffnete.


    Besonders, aber nicht nur als Wagner-Dirigent ging Sawallisch in die Geschichte ein. Bereits in den 50er Jahren dirigierte er regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen, zunächst Tristan und Isolde (1957—1959, danach den Fliegenden Holländer (1959—1961), Tannhäuser (1961—1962) und Lohengrin (1962). Besonders die Auftritte der "Schwarzen Venus" Grace Bumbry unter seiner Stabführung machten ihn legendär. Aufnahmen der drei frühen Opern (1983), des kompletten Rings (1989) und der Meistersinger (1993) runden dies ab (mindestens ein Mitschnitt des Parsifal existiert ebenso). Sawallisch ist somit einer der wenigen Dirigenten, von denen alle 13 Wagner-Opern dokumentiert sind.

  • Und gerade die Aufnahmen des "Holländer" und des "Tannhäuser" gehören zu meinen ersten Bayreuth-Erfahrungen - auf der Konserve versteht sich. Ich habe die LPs heute nicht mehr, aber die Höreindrücke waren damals für mich phänomenal. Ich glaube, da wäre noch einmal eine Neuanschaffung, diesmal auf CDs, in Erwägung zu ziehen.


    :hello: